Peter Bien, Gert Bürgel, Dresden

 

VDA-Forum in Sachsen

 

Brücken in alle Welt120 Jahre VDA-Landesverband Sachsen

 

Auch im Jahr 2003 folgten wieder zahlreiche VDA-Mitglieder und Gäste der Einladung des  sächsischen VDA-Landesverbandes zu einem Forum im World Trade Center Dresden. Die Veranstaltung am 18. Oktober hatte das Motto „Brücken in alle Welt – 120 Jahre VDA-Landesverband Sachsen“ und stand unter der Schirmherrschaft des Sächsischen Staatsministers des Innern, Horst Rasch.

 

In seinen Begrüßungsworten erinnerte der Vorsitzende des Landesverbandes, Peter Bien, daran, dass der VDA, der in Sachsen seit 1999 wieder aktiv ist, auf  Landesebene bereits auf eine 120-jährige Tradition zurückblicken kann. Am 23. September 1883 hatten sich die sächsischen Ortsgruppen des damaligen „Allgemeinen Deutschen Schulvereins“ auf einer Tagung in Döbeln zu einem Landesverband zusammengeschlossen. Peter Bien wies auf die wechselvolle Geschichte des VDA hin und auf die Aufgabe, die sich der Verband für die Gegenwart und Zukunft gestellt hat: „Brücken bauen in alle Welt“.

 

Den Besuchern des diesjährigen VDA-Forums wurden fünf Vorträge geboten zur Geschichte und Gegenwart deutscher Volksgruppen in verschiedenen Teilen der Welt.

 

Eingeleitet wurde das Vortragsprogramm mit einem Referat von Alfred Theisen aus Görlitz, der in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen für Schlesier in Deutschland und Polen herausgegeben hat. Sein Thema lautete: „Die deutsche Minderheit im polnischen Schlesien“.

 

Der Referent wies darauf hin, dass die deutsche Bevölkerung in Niederschlesien nach dem Zweiten Weltkrieg fast vollständig vertrieben wurde. Eine Ausnahme bildete die Gegend um Waldenburg, wo Fachkräfte für den Bergbau benötigt wurden. Nur in Oberschlesien blieben relativ viele Deutsche, die in ihren Heimatorten vielfach die Mehrheit bildeten. Später setzte aber auch hier eine starke Aussiedlungswelle ein. Seit 1950 sind 1,3 bis 1,4 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen.

 

Wie kam es zu diesen Unterschieden? Als „Vertreibungslinie“ diente die Grenze des oberschlesischen Abstimmungsgebietes von 1921. Östlich dieser Grenze sprach man das so genannte „Wasserpolnisch“, eine Mischung aus Deutsch, Polnisch und Tschechisch. Auch hier wurde die ortsansässige Bevölkerung für den Bergbau gebraucht. Deutsche Kultur- und Sprachpflege war den Oberschlesiern jedoch über viele Jahre verwehrt.

 

In der Zeit von der Gründung der „Solidarnosc“ bis zur politischen Wende keimte neue Hoffnung auf. Die Deutschen begannen sich öffentlich zu artikulieren: für die Aussiedlung und Familienzusammenführung, aber auch für ihre Anerkennung als Volksgruppe. 1989/90 war eine große Aufbruchstimmung zu spüren. Zahlreiche deutsche Ortsvereine wurden gegründet, und in Oppeln konstituierte sich ein „Verband der deutschen Gesellschaften in der Republik Polen“. Auch mit Unterstützung der Bundesregierung entfaltete sich ein breites Kulturleben. Sechs Abgeordnete im Sejm, dem polnischen Parlament, waren Deutsche. All diese Aktivitäten lösten in Teilen der polnischen Gesellschaft Schockreaktionen aus, weil zuvor in Polen kaum jemand eine Ahnung von der Größe der deutschen Minderheit hatte.

 

Die anfängliche Entwicklung mit vielen guten Ansätzen ist inzwischen eher sorgenvoll zu betrachten: Der größte Aderlass in der Volksgruppe war und ist die Aussiedlung nach Deutschland. Der Kampf um die nackte Existenz zwingt Tausende als Pendler nach Deutschland und Holland zu gehen. Und viele holen später ihre Familien nach. Probleme gibt es auch mit der ungenügenden Sprachförderung. Wenn überhaupt, lernen die Kinder Deutsch nicht als Muttersprache, sondern als Fremdsprache. Es herrscht Lehrermangel, weil ein Deutschlehrer an der Schule ungleich weniger verdient als ein Dolmetscher in der Industrie.

 

Das sich so hoffnungsvoll entwickelnde Vereinsleben verflachte, und den deutschen Vereinen ging die Jugend wieder verloren. Ursache dafür ist nicht zuletzt die politische Kultur im heutigen Polen, von der auch die deutsche Minderheit geprägt ist. Wer das bewerten wolle, so Alfred Theisen, müsse für Polens junge Demokratie andere Maßstäbe ansetzen als für das westliche  Mitteleuropa.

 

Bei der letzten Volkszählung bekannten sich in Oberschlesien 140.000 Einwohner zur deutschen Nationalität und 170.000 Personen bezeichneten sich als „Schlesier“. Diese so genannten „Autonomisten“, die „Wasserpolnisch“ als ihre Muttersprache betrachten, wollen als eigenständige Minderheit anerkannt werden.

 

Neben der Ansiedlung von deutschen Investoren ist jetzt eine verstärkte Rückwanderung von Oberschlesiern in ihre alte Heimat zu beobachten. Die dort lebenden Menschen benötigen unbedingt eine stärkere Unterstützung aus Deutschland. Besonders wirksame Hilfe könnten die Oberschlesier leisten, die schon vor längerer Zeit als Aussiedler in die Bundesrepublik gekommen sind.

 

Nachdenklich stimmten die Schlussgedanken des Redners: „Die Auslanddeutschen finden kein Herz in Deutschland. Wenn beispielsweise ein polnischer Staatspräsident nach Russland, Litauen oder in die Ukraine reist, dann ist es selbstverständlich, dass er dort die Vertreter der polnischen Minderheit trifft. Davon wird im Fernsehen berichtet. Wenn ein deutscher Kanzler nach Warschau fährt, kommt es nur alle zehn Jahre einmal vor, dass er unsere Landsleute trifft. Und ob die deutsche Presse davon berichtet, steht auf einem ganz anderen Blatt.“

 

Mit der neueren Geschichte der Ungarndeutschen befasste sich die Dresdner Germanistin Claudia Krah, die das Thema „Die Ungarndeutschen in den 1980er Jahren – eine Zielgruppe der Sprach- und Kulturpolitik der DDR“ behandelte. Die Referentin, die aus einer ungarndeutschen Familie stammt, stellte die Ergebnisse ihrer Magisterarbeit vor, die sie im vergangenen Jahr an der TU Dresden vorgelegt hat. Zu Beginn ihres Vortrags erläuterte sie die Situation der Ungarndeutschen in den 1980er Jahren. Sie sagte, nach 1945 sei eine ganze Generation der deutschen Sprache entfremdet worden – die so genannte „stumme Generation“. Von den 200.000 bis 220.000 in Ungarn verbliebenen Deutschen gebrauchten in den 1980er Jahren nur 30.000 die deutsche Sprache im Alltag.

 

In der DDR, so Claudia Krah, war offiziell nichts über deutsche Minderheiten im Ausland zu hören – der KSZE-Prozess führte jedoch auch hier zu einem veränderten Umgang mit nationalen Minderheiten. Ab 1982 bemühte sich die DDR intensiv um die Deutschen in Ungarn, wobei sie vom ungarischen Staat unterstützt wurde. Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer, die zur deutschen Minderheit gehörten, wurden zur Ausbildung in die DDR geschickt und Bildungseinrichtungen der Ungarndeutschen gezielt mit DDR-Lehrmitteln versorgt. Die ungarndeutschen Pädagogen wurden bei der Erarbeitung von Lehrwerken und Unterrichtsmaterialien unterstützt und bekamen die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Außerdem wirkten DDR-Lektoren bei deutschsprachigen Radiosendungen mit und verfassten Beiträge für die in Budapest erscheinende „Neue Zeitung“.

 

Zu einer Zeit, als weder die Bundesrepublik Deutschland noch Österreich nennenswerte Aktivitäten für die deutsche Minderheit entwickeln konnten, so Claudia Krah, sei es der DDR vorbehalten geblieben, den Ungarndeutschen Unterstützung zukommen zu lassen – insbesondere auf sprachlichem Gebiet. Unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus sei über weite Strecken eine „klassische Politik“ zur Unterstützung einer auslandsdeutschen Minderheit betrieben worden.

 

An die Ausführungen über die Ungarndeutschen schloss sich ein Vortrag von Dr. Alfred Eisfeld an, dem  Leiter der Abteilung Göttingen des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa (IKGN). Der Historiker behandelte das Thema „Die Deutschen in Russland – Brückenbauer an Wolga und Newa“, wobei er einen Bogen spannte vom Einladungsmanifest der Zarin Katharina II. aus dem Jahr 1763 zu den Problemen der Aussiedler in der Gegenwart. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Referent den Deutschen in St. Petersburg, das vor 300 Jahren gegründet worden ist, sowie den Schwarzmeerdeutschen, deren Ansiedlung vor 200 Jahren begonnen hat.

 

Dr. Alfred Eisfeld behandelte umfassend den langen Leidensweg der Russlanddeutschen, der bereits während des Ersten Weltkrieges seinen Anfang genommen hat. So kam es beispielsweise im Mai 1915 zu Pogromen gegen die deutschen Einwohner von Moskau. Als die Bolschewisten 1929/30 die als „Kulaken“ bezeichneten Mittel- und Großbauern enteigneten, waren die Deutschen davon stärker betroffen als andere Bevölkerungsgruppen. Von den 700 000 „Kulaken“ waren rund 15 Prozent Deutsche, während der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung der Sowjetunion nur bei einem Prozent lag.

 

Nachdem die Verfolgung der Deutschen mit der Deportation im Jahr 1941 ihren Höhepunkt erreicht hatte, setzte nach 1965 eine fragwürdige „Normalisierung“ ein. Erst 1991 wurde der Deportationserlass von 1941 für rechtswidrig erklärt; es erfolgte jedoch keine Eigentumsrückgabe und keine offizielle Aufhebung von diversen Einschränkungen. Nach Auffassung des Referenten hat die Diskriminierung der Russlanddeutschen noch in 1990er Jahren angehalten.    

 

Der folgende Vortrag war der „Geschichte und Gegenwart der Deutschen in Namibia“ gewidmet. Zu diesem Thema sprach Prof. Dr. Uwe Jäschke, der als Geograph und Kartograph an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Dresden tätig ist. Wie er sagte, leben die 30 000 Deutschen in Namibia, dem früheren Deutsch-Südwestafrika, bereits in der fünften Generation in diesem Land. Sie sind eine sehr eigenständige Volksgruppe und bezeichnen sich gern als der „siebente Stamm Deutschlands“.

 

Die Erschließung des Landes durch Europäer begann um 1760 – zunächst durch Jäger, Forschungsreisende, Bergleute, Händler und Farmer. Um 1840 kamen deutsche Missionare ins Land, um den Ureinwohnern den christlichen Glauben zu verkünden. Sie brachten ihnen auch Lesen und Schreiben bei. Nomaden wurden sesshaft. Wo Missionare waren, waltete Recht und Gerechtigkeit. Ab 1884 gehörte das Land hoheitlich zum Deutschen Reich, privatrechtlich war es Eigentum der Eingeborenen. Bis 1900 gab es nur wenige deutsche Einwanderer: 1890 kamen ca. 2 500, 1904 ca. 6 000.

 

Ein dunkles Kapitel in den Beziehungen zwischen Deutschen und Eingeborenen war der Herero-Aufstand, von dem die Kolonisten regelrecht  überrascht wurden. Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstandes wurde das Land der beteiligten Stämme enteignet, was die Grundlage war für zahlreiche Neuansiedlungen. Das Deutsche Reich investierte zunehmend in die Infrastruktur des Landes.

 

1915 eroberte Südafrika die Kolonie im Auftrag von England. Sie wurde später Mandatsgebiet des Völkerbundes und von der Südafrikanischen Union verwaltet. Unerwünschte Deutsche wurden ausgewiesen, aber 8 000 konnten samt Grundbesitz und Eigentum bleiben. Um ihre Identität zu bewahren, gründeten sie Schulen und Vereine, immer in der Hoffnung auf eine nochmalige Verwaltung durch das Deutsche Reich. Aber es gab unter ihnen sehr unterschiedliche politische Strömungen. In der Zeit von 1939 bis 1947 wurden viele Deutsche durch die Südafrikaner interniert.

 

Nach dem Krieg kamen viele Auswanderer aus den deutschen Ostgebieten im Lande an. Die Deutschen zogen sich aus dem öffentlichen und politischen Leben zurück. Ihr Hauptziel war nur noch der Erhalt ihrer kulturellen Eigenständigkeit. 1977 wurde eine „Interessengemeinschaft deutschsprachiger Südwester“ gegründet, im Jahr 1980 die „Namibisch-Deutsche Stiftung“. Viele Ziele erreichten sie nur über private Initiativen, so kam es zum Beispiel zur Errichtung von Privatschulen. Es gibt einige deutschsprachige Sendungen im namibischen Rundfunk; deutschsprachige Zeitungen sind die „Allgemeine Zeitung“ in Windhuk und „Tempo“.

 

1958 wurde Deutsch die dritte amtliche Landessprache. Zahlreiche mittelständische Betriebe sind in deutscher Hand, aber fest eingebunden in das namibische Gesellschaftssystem. Viele Deutsche haben außer der namibischen auch noch die deutsche Staatsangehörigkeit. Politisch verhalten sich die Namibiadeutschen anders als die Bundesbürger. Es fehlen ihnen die Erfahrungen des Dritten Reiches und deshalb gehen sie mit geschichtlichen Fakten und Begriffen ganz anders um. Das führte oft zu Missverständnissen und klischeehaften Vorstellungen und ergibt mitunter ein völlig falsches Bild in der deutschen Presse. Aber die Namibiadeutschen sind ihrem Land in Liebe verbunden und würden die Natur und Weiten ihrer Heimat niemals gegen Deutschland eintauschen.

 

Die Reihe der Vorträge wurde abgeschlossen mit einem Referat von Prof. Dr. Hartmut Fröschle, der das Thema „Die Deutschen in Kanada – eine Volksgruppe im Wandel“ behandelte. Der Vorsitzende des VDA-Landesverbandes Baden-Württemberg lebte 30 Jahre in Kanada und ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutsch-kanadischen Geschichte.

 

Zu Beginn seiner Ausführungen würdigte der Referent die Pionierleistungen der deutschen Einwanderer zur Zeit der Kolonisierung des Landes. Er wies darauf hin, dass lange Zeit nicht bekannt war, dass die Stadt Toronto durch Deutsche mitgegründet worden ist. Erste deutsche Gruppeneinwanderungen gehen auf das Jahr 1750 zurück. Im Laufe der Jahre kamen nicht nur Einwanderer aus Deutschland, sondern es kamen auch Deutsche aus Russland und den US-amerikanischen Bundesstaaten New York und Pennsylvania, darunter viele Mennoniten. Die Provinz Ontario war im 19. Jahrhundert das Haupteinwanderungsgebiet für Deutsche.

 

Nach dem Bau der transatlantischen Eisenbahn um 1870 erhöhte sich die Einwanderung in die westlichen Provinzen. 1874 gab es beispielsweise eine mennonitische Einwanderung von       7 000 Russlanddeutschen nach Manitoba. In dieser Zeit entstanden deutsche Orte wie Steinbach und Altona. Um 1885 wurden in Saskatchewan die Orte Straßburg, Edenwald und Langenburg gegründet. Noch heute trifft man eine interessante Minderheit: die baptistischen Sekten der Hutterer, die auf ihren Bruderhöfen ein bescheidenes bäuerliches Leben führen. Sie sprechen untereinander einen Tiroler Mischdialekt und bezeichnen sich selbst als „Deitsche“, Besucher aus Deutschland aber als „Deitschländer“.

 

Trotz vieler Einwanderungswellen bis weit ins vorige Jahrhundert hinein hat sich die deutsche Sprache und eine eigenständige deutsche Kultur nur schwer halten können. In der Zeit des Ersten Weltkrieges gab es Verfolgungen, Ortsumbenennungen und sogar das Verbot der deutschen Sprache. Deutsche Mennoniten haben aus diesem Grund Kanada in Richtung USA und Mittelamerika verlassen.

 

Bei der Volkszählung im Jahr 1971 bekannten sich 1 317.000 Millionen Menschen zur deutschen Abstammung. Aber der Assimilierungsprozess ist weitergegangen. Gesprochen wird die deutsche Sprache heute von weniger als 100.000 Menschen. Erhalten haben sich einige sehr alte Organisationen und Clubs, so die 1835 gegründete „Deutsche Gesellschaft“ in Montreal, der 1864 gegründete „Germania-Club“ in Hamilton und der 1873 gegründete „Concordia-Club“ in Kitchener/Ontario (dem früheren Berlin).

 

Prof. Dr. Hartmut Fröschle konstatierte, es gebe eine seit zwei Jahrhunderten anhaltende, faszinierende Affinität der Deutschen zum Angelsächsischen. Er sagte, „der Deutsche assimiliert ohne große Mühe“. Auch wenn es mitunter sehr schwierig sei, sollten die Deutschen nicht nur die Landessprache gebrauchen, sondern auch ihre Muttersprache bewahren. Nur so könnten sie ihre Identität erhalten und ideale Brückenbauer zwischen den Kulturen und Staaten sein.

 

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Auch im Jahr 2004 wird der VDA-Landesverband Sachsen ein Forum über deutsche Minderheiten und Auswanderer veranstalten. Dieses wird sich aus Anlass der EU-Osterweiterung mit den deutschen Volksgruppen in Ostmittel- und Südosteuropa befassen. Informationen dazu findet der interessierte Leser zu gegebener Zeit hier auf unserer Internet-Präsentation www.vda-sachsen.de auf der Hauptseite, Rubrik „Aktuelles“. 

 

(Fotos: Bürgel)