Gert Bürgel, Dresden

 

„Im vereinten Europa angekommen? – Die deutschen Minderheiten in den EU-Beitrittsstaaten“

 

Bericht vom VDA-Forum 2004 am 24. April in Dresden

 

Aus aktuellem Anlass verlegte der VDA-Landesverband Sachsen in diesem Jahr sein traditionelles Forum über deutsche Minderheiten vom Herbst auf das Frühjahr und widmete die Veranstaltung der Osterweiterung der EU. Als Referenten waren führende Vertreter der deutschen Minderheiten aus den Beitrittsländern Polen, Tschechien und Slowakei eingeladen.

Die Zuhörer, geladene Gäste und Freunde des VDA, erlebten im Dresdner World Trade Center eine hochinteressante Vortragsfolge über das Leben der in ihrer angestammten Heimat verbliebenen Deutschen, über ihr leidvolles Nachkriegsschicksal, ihre Selbstbehauptung und ihre Hoffnungen und Wünsche an das größer gewordene, gemeinsame Europa.

 

Erster Redner war Friedrich Petrach aus Breslau. Er ist Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) und sprach zum Thema „Die deutsche Minderheit in Polen“.

Entgegen der allgemein vertretenen Meinung, dass alle Deutschen aus den früheren Ostgebieten vertrieben wurden, war nach dem Potsdamer Abkommen eine größere Anzahl Einwohner in ihrer Heimat verblieben oder zurückgehalten worden. In Niederschlesien waren das rund 110.000 Personen. Bis 1951 waren sie „Personen zweiter Klasse“ ohne Staatsbürgerschaft und Personalausweis. Erst danach erlaubte die polnische Regierung Schulunterricht und Zeitungen in deutscher Sprache.

1952 durfte die Deutsche Sozialkulturelle Gesellschaft gegründet werden, die 1957 vom polnischen Staat offiziell anerkannt wurde. Diese Vereinigung erhob 1956 u. a. erstmals folgende Forderungen: rechtsstaatliche Regelungen für Personen deutscher Nationalität, Erleichterung der Ausreise, Vertretung im polnischen Parlament, Entschädigung oder Vermögensrückgabe. Von 1956 bis 1959 kam es zu einer massenhaften Ausreise nach Deutschland.

 

Interessant zu hören war die Tatsache, dass auch die DDR den Deutschen in Polen ihre Staatsangehörigkeit angeboten hat. Diese doppelte Staatsangehörigkeit verschaffte die Möglichkeit, leichter in die DDR zu reisen und auch konsularische Unterstützung in Polen zu erhalten. Nach dem Bau der Mauer ließ jedoch das Interesse der DDR an ihren „fernen“ Mitbürgern nach.

Die Situation der Deutschen in Polen war regional sehr unterschiedlich. Rechtsseitig der Oder wurden die Deutschen „polonisiert“, linkerseits der Oder aber weiterhin als Deutsche betrachtet. So war es z. B. in Oberschlesien völlig unmöglich, ohne Repressalien in der Öffentlichkeit deutsch zu sprechen. In Breslau z. B. war dies Ende der 50er Jahre schon eher möglich.

Seit 1950 war, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, der Gottesdienst wieder in deutscher Sprache möglich. Es gab damals nur einen Seelsorger für ganz Niederschlesien, der mit einer Tour von 200 Kilometern Länge die vielen deutschsprachigen Orte zu betreuen hatte.

Tätigkeit und Wirksamkeit der Vereinigung der „anerkannten“ Deutschen waren im Laufe der Jahrzehnte großen Schwankungen unterworfen. Mit dem Beginn der Demokratisierung im Jahre 1990 änderte sich endlich auch die Situation der Deutschen. Hoffnung keimte auf. Der Erzbischof Alfons Nossol von Oppeln setzte sich mit seinem mutigen Ausspruch „Warum soll nicht gebetet werden in der Sprache des Herzens“ für die Wiedereinführung des deutschsprachigen Gottesdienstes auch in Oberschlesien ein.

Der heutige Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) hat als Dachorganisation aller Deutschen in Polen zehn ständige Mitgliedsverbände mit ca. 600 Ortsgruppen und ca. 300.000 Mitgliedern. Von den Verbänden seien hier nur auszugsweise genannt: der Bund der Jugend der deutschen Minderheit, der Schlesische Bauernverband, der Schlesische Medizinerverband, die Deutsche Bildungsgesellschaft, die Masurische Gesellschaft, die Deutsche Gemeinschaft „Versöhnung und Zukunft“. Zwei Abgeordnete der deutschen Minderheit sitzen im polnischen Sejm. Im Regionalparlament der Wojewodschaft Oppeln stellen die Deutschen sogar die zweitstärkste Fraktion.

Es gibt inzwischen auch zweisprachige deutsch-polnische Schulen mit Lehrern, die zum Teil aus Deutschland stammen, aber noch keine Schule mit ausschließlich deutscher Unterrichtssprache. Die Arbeit der gemeinsamen Deutsch-Polnischen Kommission für Schulbücher blieb bisher ohne Erfolg. Alles in allem gibt es noch viel zu tun, um die deutsche Sprache zu pflegen und zu verbreiten.

Von dem EU-Beitritt erhoffen sich die Deutschen in Polen, dass noch viele der ungelösten Probleme geregelt, anerkannt und erleichtert werden. Dazu gehört auch die Verbesserung des Lebensstandards, die Schaffung neuer Arbeitsplätze, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben, mehr Unterstützung durch die deutsche Regierung und die Anerkennung ihres Minderheitenstatus durch die EU. Unter den Deutschen in Polen herrsche der Eindruck, dass es aus Brüsseler Sicht in Osteuropa überhaupt keine Minderheiten gibt.

Deshalb sollten sich die deutschen Minderheiten in den Beitrittsländern zusammenschließen und einen gemeinsamen Vertreter nach Brüssel entsenden. Ziel sei die Anerkennung der Rechte auf Muttersprache und eigene Kultur und Tradition. Dieses Menschenrecht müsse zuerst und besonders von dem Land berücksichtigt werden, in dem man wohnt. In den meisten Fällen sei dies in der Vergangenheit unterlassen worden.

 

Dr. Christa Stros aus Prag war mehrere Jahre Vizepräsidentin der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. In ihrem Vortrag sprach sie über die deutsche Minderheit in der Tschechischen Republik. Sie erinnerte zunächst daran, dass Böhmen im Herzen Europas schon immer eine zentrale Rolle gespielt hat. So wurde Prag unter Karl IV. die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der deutsche Bruderkrieg von 1866 entschied sich in Ostböhmen und selbst Otto von Bismarck habe gesagt: Wer Herr über Böhmen sei, sei Herr über Europa.

 

Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert siedelten sich Deutsche in Böhmen an. Bis 1945 lebten 3,325 Millionen Deutsche in der Tschechoslowakei. Nach Flucht und Vertreibung waren es nur noch 265.000 – 270.000. Anlässlich einer Volkszählung im Jahre 2001 bekannten sich nur noch 40.000 Bürger zur deutschen Nationalität, das sind 0,4 % der Gesamtbevölkerung. Tatsächlich sind es jedoch wesentlich mehr, weil die Angabe der Nationalität keine Pflichtangabe war und noch immer Angst vor einem versteckten Hass der Mehrheitsbevölkerung existiert. Auch diese Feststellung sei wichtig für die Frage, ob man schon im vereinten Europa angekommen sei.

Die verbliebenen Deutschen in Böhmen leben sehr verstreut. Größere Konzentrationen gibt es in den Bezirken Aussig (ca. 9.700) und Karlsbad (8.700) sowie in Mähren/Schlesien (4.000). Die erste Etappe des Überlebens nach 1945 wurde genannt die „Zeit der verschwiegenen deutschen Minderheit“. Die zunächst staatenlos gewordenen Deutschen wurde 1953 alle zu Tschechen. Mit der Verfassung von 1960 hörte die deutsche Minderheit gänzlich auf zu existieren. Erst mit dem Prager Frühling 1968 wurde die deutsche Minderheit wieder namentlich erwähnt. Das Kulturleben der Deutschen erhielt  mit dem „Kulturverband der Bürger der CSSR deutscher Nationalität“ eine rechtliche Grundlage, wenngleich dessen Möglichkeiten später wieder reduziert wurden.

 

1989, zur gesellschaftlichen Wende, wurde ein Bürgerforum gegründet, in welchem auch die deutsche Minderheit zwei Vertreter hatte. 1990 ist der „Verband der Deutschen in der Tschechoslowakei“ registriert worden. Die Karpatendeutschen gingen schon 1992, also noch vor der staatlichen Trennung, ihre eigenen Wege.

Heute sind 23 regionale Verbände mit ca. 5.500 Mitgliedern unter dem Dach der „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ zusammengeschlossen. Zu diesem Dachverband gehört auch der Kulturverband mit ca. 3.500 Mitgliedern. Seit Juli 2001 existiert ein Minderheitengesetz, das die Rechte aller Minderheiten in der Tschechischen Republik garantiert. Der Staat unterstützt sie mit Schulbüchern, bei Publikationen und kulturellen Aktivitäten. Von der Bundesrepublik Deutschland  finanziert und gefördert werden 13 Begegnungsstätten als Zentren für kulturelle Veranstaltungen, Sprach- und Literaturpflege. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfond fördert Projekte der Jugendarbeit.

Trotz aller neuen Möglichkeiten hat die deutsche Minderheit um ihren Zukunftsbestand zu kämpfen. Deswegen tauschten ihre Vertreter Erfahrungen mit den Deutschen im dänischen Nordschleswig aus, die vor ähnlichen Problemen standen und heute ihren festen Platz in der dänischen Gesellschaft gefunden haben. Ähnliche Wege wollen auch die  Deutschen in der Tschechischen Republik gehen. Dazu gehören u. a. deutsch-tschechische Gemeinschaftsprojekte, die deutsch-tschechische Begegnungsschule in Prag und das Wirken der Ackermann-Gemeinde.

Brücken der Verständigung werden inzwischen von beiden Seiten gebaut, überwiegend von der jungen Generation und von Künstlern. Es gibt hoffnungsvolle Ansätze, die „Sprache der Wahrheit“ zu finden. Das ist der Weg, die eigene kulturelle Tradition und Sprache zu pflegen und sich somit in die kulturelle Vielfalt des vereinigten Europas einzubringen.

 

 

An die Ausführungen von Dr. Christa Stros schloss sich ein Vortrag von Dr. Ondrej Pöss aus Preßburg an, dem Vorsitzenden des Karpatendeutschen Vereins (KDV). Er sprach über die Karpatendeutschen in der Slowakei.

 

Die Slowakei betrachtet sich keinesfalls als ein „Zuwanderungsland“ in Richtung Europa, sondern freut sich über ihre Rückkehr zur europäischen Staatenfamilie nach einer 40-jährigen Verbannung. Sie hat eine tausendjährige Geschichte als Bestandteil Ungarns und nur mit kurzer Unterbrechung eine siebzigjährige Geschichte in ihrer Zugehörigkeit zum tschechoslowakischen Staat. Über Jahrhunderte war sie Schauplatz der Immigration ethnischer Volksgruppen: Deutscher, Kroaten, Italiener, Osmanen, Ruthenen und Juden.

Deutsche als Teil der Ungarndeutschen besiedelten vom 12. bis 14. Jahrhundert das Land. Der relative Bevölkerungsanteil ging im Laufe der Jahre immer weiter zurück. Um 1880 waren es 11 %, um 1900 nur noch 7,64 % und 1930 mit 154.000 Deutschen nur noch 4,65 %. Nach 1945 mussten 90 % der Deutschen die Slowakei verlassen. Die Mehrzahl ging nach Deutschland und Österreich. Ebenso wie die Deutschen in den böhmischen Ländern wurden die Karpatendeutschen Opfer der Benes-Dekrete. Der Sprachgebrauch des Deutschen war sehr eingeschränkt.

Bei einer Volkszählung im Jahre 1950 bekannten sich 5.179 Bürger zur deutschen Nationalität. Das waren nur 0,15 % der Gesamtbevölkerung. Geschätzt wurde jedoch eine realistischere Zahl von ca. 20.000 Personen. Insgesamt war die deutsche Minderheit Ende der 80er Jahre in ihrer Existenz stark bedroht.

1990 gründete sich der „Karpatendeutsche Verein“. Er zählt jetzt 4.800 Mitglieder. Erst kürzlich wurde ein Jugendverband der Karpatendeutschen gegründet, der ca. 1.000 Mitglieder hat. Bei der Volkszählung im Jahre 2001 gaben 5.405 Personen ihre deutsche Nationalität an, doch immer noch dominiert eine historisch tief sitzende Angst vor dem Missbrauch der angegebenen Daten. Die Deutschen leben auch heute noch in ihren historischen Siedlungsgebieten: in Preßburg und Umgebung sowie im Hauerland, der Zips und dem Bodwatal.

Noch immer stellt sich die Lage der Karpatendeutschen als sehr unbefriedigend dar. In der Slowakei gibt es keine Minderheitenvertretung im Parlament und auch auf regionaler Ebene scheitern viele Minderheiten an der Fünf-Prozent-Hürde. Fast aussichtslos ist die Forderung nach Deutsch als regionaler Amtssprache, weil dafür ein Bevölkerungsanteil von 20 % notwendig ist. Diesen Anteil auf wenigstens 10 % zu senken ist nicht nur eine Forderung der deutschen Minderheit.

Historische Vorurteile gegen Deutsche in aller Welt, z. B. erkennbar an verzerrten Charakterdarstellungen in Spielfilmen, oder die Diskriminierung der deutschen Sprache als Welt- und Konferenzsprache wirken auch auf die Karpatendeutschen. Dr. Pöss sagte,  „wir leben noch immer im Schatten der Vorurteile“ und „unsere Forderungen nach Beseitigung dieses Unrechtes haben nur ein geringes Echo gefunden“.

In den EU-Staaten werden nach dem Beitritt der osteuropäischen Länder 120 Minderheiten leben. Zusammen wird deren Bevölkerungszahl größer sein als die von Frankreich. Wie wird die EU die Minderheitenrechte bewahren? Und wie werden sich die Beziehungen Deutschlands und Österreichs zu den Karpatendeutschen verändern? Mit Sorge nahmen die Karpatendeutschen die Äußerungen des EU-Erweiterungskommissars Günter Verheugen zur Kenntnis, dass „bestimmte politische Problemfelder bestehen bleiben“. Dazu gehören u. a. auch die Minderheitenrechte. Aus der EU-Verfassung ließen sich Aussagen zur sprachlichen und kulturellen Vielfalt nur indirekt ableiten. Aspekte zur Beseitigung der Diskriminierung der Minderheiten seien darin nicht enthalten.

Auch die Karpatendeutschen fordern die Errichtung eine Entschädigungsfonds und richten dabei ihre Hoffnung auf Europa. Dies sei mehr ein moralisches als ein materielles Problem. Dazu zitierte Dr. Pöss den früheren amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, der gesagt haben soll, dass nichts dauerhaft geregelt ist, was nicht gerecht geregelt ist. Die nachfolgenden Jahrzehnte werden wohl eine Antwort darauf geben, wohin die dargestellten Probleme im multikulturellen Europa führen werden.

 

Abgerundet wurde das Programm des VDA-Forums 2004 durch einen Vortrag von Peter Bien. Der Vorsitzende des VDA-Landesverbandes Sachsen sprach über den Weg der Ungarndeutschen, wobei er dem Publikum historisches Kartenmaterial präsentierte. Bei seinen Ausführungen spannte er einen Bogen von der „Wasser und Producten Karte des Koenigreichs Ungarn“ aus dem Jahr 1791 zur Karte „Die Deutschen in Ungarn“, die 1996 veröffentlicht worden ist. Peter Bien machte deutlich, dass Ungarn im 20. Jahrhundert seine Rolle in Europa neu bestimmen musste, büßte es doch zwei Drittel seines historischen Staatsgebietes ein. Inzwischen sei das Land nach Europa „zurückgekehrt“ und habe die Chance, Minderheitenfragen durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu lösen.            

 (Fotos: Bürgel)