Gert Bürgel, Dresden (unter Mitarbeit von Peter Bien)

 

 

„Brennpunkt Südosteuropa – Deutsche Minderheiten 1920 – 1945 – 2005“.

VDA-Forum über die Deutschen in Rumänien und Jugoslawien

 

Der VDA-Landesverband Sachsen lud am 15. Oktober 2005 zu seinem alljährlichen Forum über deutsche Minderheiten ins Dresdner World Trade Center ein. Das Thema lautete diesmal: „Brennpunkt Südosteuropa – Deutsche Minderheiten 1920 – 1945 – 2005“.

 

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Schicksal der deutschen Volksgruppen in Rumänien und Jugoslawien, die im vergangenen Jahrhundert einschneidende politische Veränderungen durchleben mussten und ein kollektives Schicksal erlitten, das ihre Selbstbehauptung in Frage stellte.

 

Das erste der drei im Veranstaltungstitel genannten Jahre, 1920, stand für den Zerfall Großungarns, bei dem viele deutsche Siedlungsgebiete eine Teilung und staatliche Neuordnung erfuhren. Die Jahreszahl 1945 sollte an das Ende des Zweiten Weltkrieges erinnern, das mit katastrophalen Konsequenzen für die deutschen Bevölkerungsgruppen verbunden war. Und das Jahr 2005 stand für noch immer ungelöste Minderheitenprobleme, für Assimilation und Aussichtslosigkeit, aber auch für Selbstfindung, Neuanfang und Unterstützung.

 

 Martin Eichler aus München referierte zum Thema „Geschichte und Gegenwart der Deutschen in Rumänien“. Er ist  Inhaber des „Bilderdienstes Siebenbürgen“ und Fotograf und besucht seit 1973 mindestens einmal im Jahr Siebenbürgen. Dadurch ist er mit dem Leben und allen Befindlichkeiten und Veränderungen innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung bestens vertraut. Seine Fotos, mit denen er auch einen Jahreskalender gestaltet, stellt er unter das Motto: „Wir zeigen die schönen Seiten Siebenbürgens“. So war auch sein illustrierter Vortrag von Bildern der Landschaft getragen sowie von Bildern von Begegnungen und vom Alltag der Menschen. Überdies dokumentierte er deutsche Kulturgüter in der Landschaft und in Kirchen. Sein besonderes Augenmerk galt den zahlreichen Kirchenburgen.

 

Die Deutschen in den Dörfern sind seit der großen Auswanderungswelle Anfang der 90er Jahre vereinsamt. 1930 gab es in Rumänien noch 750.000 Deutsche. 1992 waren es noch 200.000 und 1997 nur noch ca. 60.000 Deutsche, die heute in Bukarest, in Siebenbürgen und im Banat leben. Die evangelische Kirche, die noch in den 70er/80er Jahren eine starke Volkskirche war, ist inzwischen nur noch eine Diaspora-Kirche. In Siebenbürgen sind nur noch 35 Pfarrer im Amt, viele haben sechs bis acht Gemeinden zu versorgen.

Der kontinuierliche Rückgang der deutschen Minderheit hat aber weiter zurückliegende Ursachen: Bis 1867 gab es die „Sächsische Nationsuniversität“, so hieß das damals eigenständige Parlament der Siebenbürger Sachsen. Es wurde von den Ungarn aufgelöst. Die Siebenbürger Sachsen verloren dadurch viele Rechte, die fortan von der evangelischen Kirche wahrgenommen wurden. 1920 kam Siebenbürgen zu Rumänien. Dies führte zu einer großen Enteignungswelle, der Besitz der Kirche wurde verstaatlicht.

In der Zeit, in der Rumänien mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet war, wurden alle siebenbürgischen Organisationen gleichgeschaltet, die wehrfähigen Männer mussten zur Waffen-SS. Nach 1945 wurden arbeitsfähige Deutsche zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt. Viele verloren ihr Eigentum. Bis 1950 hatte die deutsche Minderheit kein Wahlrecht.

Obwohl Martin Eichler ein besorgniserregendes Bild vom Leben und Bestand der deutschen Minderheit zeichnete, nannte er auch neue Impulse: beispielsweise Begegnungsstätten, deutsche Schulen (wenngleich viele muttersprachliche Lehrer fehlen), ein großes Siebenbürger Sachsentreffen, deutschsprachige Radio- und Fernsehsendungen und deutschsprachige Zeitungen. Zu letzteren zählen die „Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien“ und ihre Beilagen  „Banater Zeitung“ und „Karpatenrundschau“ sowie die „Hermannstädter Zeitung“. Die Förderung solcher Einrichtungen und Ereignisse durch die Regierung sei heute kein Problem mehr. 

 

 Im zweiten Referat  behandelte Prof. Johann Hinrich Walter das Thema „Dresdner Studenten im Einsatz für siebenbürgische Kirchenburgen“. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden, wo Prof. Walter lehrt, ist ein nicht alltägliches Projekt realisiert worden – ein Projekt, bei dem die studentische Ausbildung mit dringend benötigter bautechnischer Hilfe verbunden wurde. Studenten der Fachrichtungen Vermessungswesen/Kartographie und Bauingenieurwesen/Architektur waren spontan bereit, im rumänischen Siebenbürgen Bauunterlagen von mittelalterlichen Kirchenburgen zu erstellen.

Mit Sponsorenhilfe ging es im Jahr 2003 mit zwei VW-Transportern, vollbeladen mit Instrumenten und Computern, für zwei Wochen nach Bodendorf. 2004 war Stolzenburg das Ziel und in diesem Jahr Marienburg bei Kronstadt. Die Studenten lernten das Land kennen und waren beeindruckt von der Gastfreundschaft seiner Bewohner.

Viele Kirchenburgen befinden sich in einem kritischen Zustand: Risse, Baufehler, Erdbeben, in einem Fall der Schiefstand des Turmes, geben Anlass zur Sorge, wie solche Kirchen in ihrer Substanz überhaupt noch erhalten werden sollen.Die Vermessung der Bausubstanz mit massiven Bauschäden im Bereich des Mauerwerkes und der Dachstühle war eine große Herausforderung. Neben Computerdarstellungen in 3-D-Technik wurden auch Zeichnungen von komplizierten Bauformen angefertigt.

 Die in Hermannstadt ansässige Bauabteilung der evangelischen Kirche in Siebenbürgen war erfreut über die hervorragende Arbeit der Dresdner Studenten. Dort, wo ein Erhalt der Bausubstanz nicht möglich sein wird, sollen die Unterlagen wenigstens zur Archivierung und Dokumentation für die Nachwelt dienen.

Im Jahr 2006 wird wieder eine Studentengruppe nach Rumänien reisen, diesmal ins nördliche Siebenbürgen. Viel Arbeit wartet noch, denn es gibt 150 dieser einzigartigen Kirchenburgen.

 

 Über die Geschichte der Jugoslawiendeutschen bis 1945 sprach Dr. Norbert Spannenberger von der Universität Leipzig, der einen außerordentlich faktenreichen Vortrag  hielt.

 

Der Referent sagte, „Jugoslawiendeutsche“ sei ein staatsrechtlicher Ersatzbegriff, weil die deutschen Siedler in diesen Gebieten nie eine zusammenhängende Einheit gebildet hätten. Sie siedelten zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Gründen. Das erschwerte trotz gemeinsamer Sprache eine Identitätsstiftung.

In Slowenien lagen die Siedlungsgebiete der Deutschen in der Untersteiermark, in der Krain und in der Gottschee. In Serbien siedelten die Deutschen im Westbanat und in der Batschka, wobei sie im Westbanat in fünf größeren Städten und in 48 Landgemeinden die Mehrheit der Bevölkerung stellten. In der Batschka, zwischen Donau und Theiß, besaßen vier Städte und 35 Landgemeinden eine deutsche Bevölkerungsmehrheit. In Kroatien siedelten die Deutschen in Slawonien und Syrmien. Außerdem gab es in der kroatischen Südbaranya zehn Gemeinden mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung.

Die Einwanderung deutscher Siedler nach Bosnien erfolgte erst ab 1869. Zuerst kamen Trappistenmönche aus dem Rheinland. Sie gründeten das Kloster „Maria Stern“. Einer der ersten Orte, Windthorst, wurde nach dem deutschen Zentrums-Politiker Ludwig Windthorst (1812 – 1891) benannt.

Im Jahre 1910 ermittelte eine Volkszählung in der Donaumonarchie für das später jugoslawische Gebiet 577.000 Deutsche. Eine Volkszählung Anfang der 20er Jahre ergab, dass nur noch 513.000 Deutsche in diesem Gebiet wohnten. Das waren 4,3 Prozent der Gesamtbevölkerung, womit die Deutschen die größte Minderheit im Staat der Serben, Kroaten und Slowenen bildeten. Der Referent Dr. Spannenberger bezweifelte jedoch den Rückgang um 64.000 Personen innerhalb von zehn Jahren.

1929 wurde in Jugoslawien die Königsdiktatur ausgerufen. Die neue Verwaltungseinteilung  führte zur Zerstückelung der traditionellen Siedlungsgebiete. Auch durfte es nur noch deutsche Kulturvereinigungen geben. Die wichtigste war der Schwäbisch-Deutsche Kulturbund.

In den 30er Jahren ergriffen sogenannte „Erneuerer“ die Initiative. Sie stellten die „Volksgemeinschaft“ in den Vordergrund und setzten sich damit gegen die „Traditionalisten“ durch.

1941 wurde Jugoslawien durch das Deutsche Reich erobert. In der Folgezeit wurden die Deutschen aus der Gottschee und  aus Laibach ausgesiedelt. Die Deutschen in der Batschka kamen zu Ungarn. Sie wurden zum Motor der Radikalisierung des „Volksbundes der Deutschen in Ungarn“. Im Westbanat lebten 585.000 Einwohner, wovon 20 Prozent Deutsche waren. Diese wurden aus der Rechtsgewalt des serbischen Staates herausgenommen. Sie bekamen Institutionen wie im Deutschen Reich. Ab 1944/45 wurde mit den Jugoslawiendeutschen brutal und hemmungslos abgerechnet, weil viele von ihnen vom Nationalsozialismus instrumentalisiert worden waren.

 

 

 Den letzten Vortrag des Tages hielt Oliver Bagarić von der Universität in Leipzig. Sein Thema lautete: „Deutsche Minderheiten im heutigen Slowenien, Kroatien und Serbien“. Damit schloss er an den Zeitabschnitt an, den sein Vorredner behandelt hatte.

(Anmerkung: Den vollständigen Vortrag von Oliver Bagaric finden Sie auf unserer Internet-Präsentation unter der Rubrik „Ausland“)

 

Am 21. November 1943 wurden alle Jugoslawiendeutschen durch die Beschlüsse der AVNOJ (Antifaschistischer Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens) zu Feinden erklärt. Sie wurden enteignet und entrechtet. Ende 1944 lebten in Jugoslawien noch 200.000 Deutsche von einst 500.000. Viele waren geflüchtet, die Verbliebenen waren vor allem Donauschwaben.

Im Jahre 1948 zählte man noch 55.000 Personen deutscher Volkszugehörigkeit – und 1981 nur noch 10.000. Von den 200.000 Verbliebenen kamen 170.000 in Arbeitslager, von denen es mindestens 70 gab. 30.000 Deutsche wurden in die Sowjetunion deportiert. Von den Verfolgungen war nur die relativ kleine Gruppe von Deutschen ausgenommen, die sich den Tito-Partisanen angeschlossen hatte. Etwa ein Drittel der 200.000 Deutschen kam ums Leben.

Die kollektive Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Kommunisten richtete sich ausschließlich gegen die Deutschen und nicht gegen die im Lande lebenden Ungarn, obwohl von den Ungarn während des Krieges viele Verbrechen begangen worden waren.

Im Tito-Jugoslawien waren die Deutschen nicht als nationale Minderheit anerkannt. Die meisten von ihnen siedelten zwischen 1955 und 1979 in die Bundesrepublik über.

Der Zerfall von Jugoslawien bedeutete für die deutsche Bevölkerung eine Zäsur. Es kam zu einer erneuten Teilung der deutschen Volksgruppe. Die Deutschen wurden jetzt Bürger der verschiedenen Nachfolgestaaten.

In Kroatien gab es im Jahre 2001 noch 3.000 Deutsche, die vor allem im Raum Esseg lebten. Schon in der kroatischen Verfassung von 1991 wurde die deutsche und österreichische Minderheit anerkannt. Heute gibt es in Kroatien fünf deutsche Vereinigungen. Die bedeutendste ist die VDG (Volksdeutsche Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben). Ihre Zeitung heißt „Deutsches Wort“. Als ihre wichtigsten Aufgaben sehen die Deutschen in Kroatien das Aufstellen von Gedenktafeln in kroatischer und deutscher Sprache in Orten, in denen einst Deutsche gelebt haben, die Dokumentation des sakralen Erbes der Donauschwaben und die Schaffung von Gedenkstätten für die donauschwäbischen Lageropfer.

 

In Serbien hat sich die Lage nach 1991/92 schwierig gestaltet. Aber die demokratische Wende lässt auf die Belebung der deutschen Kultur hoffen. Bei der Volkszählung 2002 wurden in Serbien 3.900 Deutsche gezählt. Davon leben 3.100 in der Wojwodina. Auch in Serbien werden in früheren Lagern Gedenkstätten eingerichtet. Seit 2002 gibt es in Serbien und Montenegro ein neues Minderheitengesetz. Die Deutschen werden jetzt als dort schon immer ansässige Volksgruppe anerkannt. Bedauerlicherweise gibt es in der kleinen Volksgruppe Rivalitäten.

In Slowenien wurden bei der letzten Volkszählung 1.800 Deutsche ermittelt. Sie sind dort keine anerkannte Minderheit. Begründet wird das damit, dass die Gruppe der Deutschen zu klein sei und nicht in einem geschlossenen Gebiet lebe. Deshalb erhalten die Deutschen auch keine finanzielle und kulturelle Förderung durch den Staat. Dennoch gibt es in Slowenien drei deutsche Vereine: in Marburg, in Poljane (der „Gottscheer Altsiedlerverein“) und in Laibach (ein „Gottscheer Verein“).

Als Resümee seines Vortrages gab Oliver Bagarić zu bedenken, dass die Zukunft der deutschen Minderheiten in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens sehr ungewiss sei.