Gert Bürgel, Dresden (unter Mitarbeit von Peter Bien)

 

 

Die alljährlichen Foren des VDA-Landesverbandes Sachsen haben eine gute Tradition. Fachautoren und Vertreter deutscher Minderheiten geben hier einem großen Interessentenkreis Einblicke in die Geschichte und Gegenwartssituation der Deutschen, die in anderen Ländern als Minderheiten leben. In diesem Jahr war das Forum den Deutschen in Südosteuropa gewidmet und stand unter dem Motto

 

„Zwischen Donau und Karpaten. Deutsche Geschichte im Südosten Europas“.

 

Zum Auftakt der Veranstaltung sprach Prof. Dr. Karl-Heinz Schlarp, der bis 2006 als Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte Osteuropas an der TU Dresden gewirkt hat. Der Experte für Nationalitätenprobleme stellte die mittelalterliche und neuzeitliche deutsche Besiedlung des südöstlichen Europa als Teil der deutschen Ostsiedlung dar.

 

Prof. Schlarp wies darauf hin, dass Wanderungsbewegungen Teil der Menschheitsgeschichte sind. Es gab sie lange bevor sich Nationen und Nationalstaaten herausgebildet haben, so zum Beispiel die Völkerwanderung, durch die es zu ethnischen Vermischungen und Überlagerungen kam. Deutsche Siedlergruppen haben zu unterschiedlichen Zeiten den östlichen Teil Europas besiedelt. Dies war eine friedliche Kulturbewegung von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten, die ihre Heimat verließen, keinesfalls eine räuberische Expansion. Die einheimischen Fürsten in Ungarn, Böhmen, Schlesien und Polen förderten den Zuzug aus rein wirtschaftlichen Erwägungen.

 

Einen ersten Höhepunkt erlebte die Ostsiedlung im 12. Jahrhundert durch die später so benannten „Siebenbürger Sachsen“, die auf Einladung des ungarischen Königs kamen. Aber auch östlich von Elbe und Saale brachten die Siedler die in Westeuropa geläufigen wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Lebensformen mit.

 

Im 18. Jahrhundert wurde der Ruf nach „Kolonisten“ nicht nur in überseeischen Regionen lauter, sondern auch im östlichen Europa. Für neuzeitliche „Ostsiedler“ setzte sich bald die Bezeichnung „Schwaben“  bzw. „Donauschwaben“ durch. Von Ungarn aus kam es zur so genannten „Sekundärkolonisation“. Schwäbische Bauern und Bergleute zogen weiter in die Balkanländer: nach Kroatien, Slowenien und Bosnien sowie in die Gottschee und Krain, aber auch nach Bessarabien und in die Dobrudscha.

 

Trotz einzelner Widerstände entwickelten sich über die Jahrhunderte friedliche Beziehungen bis hin zum Zusammenwachsen von Deutschen und Einheimischen. Rückblickend kann gesagt werden, dass es die Ostsiedler waren, die den Schwerpunkt der deutschen Geschichte bis ins 20. Jahrhundert weit hinein nach Osten verlagerten. Doch spätestens zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde all das, was sich in 1000 Jahren deutscher Ostsiedlung entwickelt hatte, durch den Nationalsozialismus und den Stalinismus zunichte gemacht. Das Bild der Deutschen wurde dauerhaft beschädigt. Nach 1990 versuchten die Restminderheiten verstärkt, als Spätaussiedler nach Deutschland zu kommen.

 

Das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht werden, doch Deutschland und Österreich können heute gemeinsam mit ihren östlichen Nachbarn an einer offenen europäischen Kultur arbeiten, die etwas von dem alten Geist grenzüberschreitender Kultur mit ihrer Vielfalt atmet – so das Resümee von Prof. Schlarp.

(Der Vortrag kann hier im Wortlaut nachgelesen werden).

 

 

Es folgte ein Referat von Otto Heinek (Budapest), der seit vielen Jahren als Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen tätig ist. Der oberste Repräsentant der ungarndeutschen Minderheit sprach über die Geschichte seiner Volksgruppe, gab aber vor allem einen Einblick in die heutige Situation der Ungarndeutschen und umriss ihre Zukunftsperspektiven.

 

Wie Heinek sagte, ist Ungarn seit über tausend Jahren die gemeinsame Heimat zahlreicher Völker und Volksgruppen. Die Deutschen leisteten einen wesentlichen Beitrag beim Aufbau des Landes. Sie siedelten in verschiedenen Zeitepochen verstreut im Karpatenraum.

 

Ende des 18. Jahrhunderts betrug die Zahl der Deutschen im damaligen Ungarn mehr als eine Million. Sie betrachteten das Land schnell als ihre Heimat. In Ofen, Pest, Ödenburg und Fünfkirchen entwickelten sie eine blühende städtische Kultur. Die Sozialdemokratie hat sich in Ungarn durch die deutschsprachige Arbeiterschaft verbreitet.

 

Die Assimilationspolitik, die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte und nicht nur die Ungarndeutschen betraf, verdrängte den Einfluss des deutschen Bürgertums. Es kam zur „Namens“-Magyarisierung und zum Druck auf Eltern, ihre Kinder auf ungarische Schulen zu schicken. Den Folgen staatlicher Assimilationspolitik versuchte sich der im Jahre 1924 gegründete Ungarländische Deutsche Bildungsverein entgegenzustellen. Viele Deutsche hielten die Erfüllung ihrer Forderungen nur mit Hilfe des Dritten Reiches für möglich. So wurden sie schnell zum Spielball zwischen Hitlerdeutschland und Horthy-Ungarn – und nach dem Krieg zum Sündenbock.

 

Zum Ende des Krieges wurden 30.000 bis 40.000 Deutsche in die Sowjetunion verschleppt. Viele haben die Sklavenarbeit nicht überlebt. 1946 begann auf Betreiben der ungarischen Regierung die „Aussiedlung“ von rund 200.000 Ungarndeutschen nach Deutschland, eine Entscheidung, bei der man sich auf die Potsdamer Konferenz berief. Die zurückgebliebene Volksgruppe verlor ihre gesamte Intelligenz, wurde entrechtet und enteignet. Deutsch zu sprechen war verboten.

 

Erst Mitte der 1950er Jahre machte der ungarische Staat wieder bescheidene Zugeständnisse. In den 1970er Jahren entwickelte sich die Pflege deutscher Volkskultur, es gab jetzt wieder zweisprachige Schulen, ein deutsches Theater und eine ungarndeutsche Literatur. Der erste ungarndeutsche Verein gründete sich 1985. Die politische Wende 1990 war mit vielen Hoffnungen, aber auch Enttäuschungen verbunden. 1993 wurde ein Minderheitengesetz verabschiedet, das viel Positives brachte, aber auch manche Wünsche offen ließ. So gibt es bis heute keine Vertretung der Deutschen im Parlament.

 

Innerhalb der Volksgruppe ist durch die historische Zäsur und die langjährige destruktive Politik ein „Generationenloch“ entstanden. Eines der größten Probleme ist die Förderung der Muttersprache. Oft führt die schwierige finanzielle Situation in kleinen Gemeinden zur Schließung von Kindergärten und Schulen. Dadurch wird vor allem dem Muttersprachenunterricht geschadet. Pädagogische Hilfe aus den deutschsprachigen Ländern könnte das Problem mildern helfen, denn der Verlust der Sprache bedeutet mit der Zeit auch den Verlust der Identität. Viele Mundarten werden die heutige Zeit ohnehin nicht überleben. Diesem realistischen, eher düsteren Zukunftsbild kann aber auch eine optimistische Grundhaltung der Ungarndeutschen entgegengesetzt werden. Es wird diese Volksgruppe weiterhin geben, so Heinek, denn Totgesagte leben nicht nur länger, sie sind auch vitaler, als man annimmt.

(Der Vortrag kann hier im Wortlaut nachgelesen werden).

 

 

Im dritten Referat behandelte Martin Eichler aus München das Thema „Hermannstadt – Zentrum der Siebenbürger Sachsen und Kulturhauptstadt Europas 2007“. Als Fotograf und Inhaber des „Bilderdienstes Siebenbürgen“ reist Eichler mehrmals im Jahr nach Rumänien. In seinem reich bebilderten Vortrag führte er das Publikum in die südosteuropäische Stadt, die in diesem Jahr in aller Munde ist: Hermannstadt, die über 800 Jahre alte Metropole der Siebenbürger Sachsen. Heute leben hier 170.000 Menschen, davon sind allerdings nur noch 1,6 Prozent Deutsche.

 

Obwohl die Siebenbürger Sachsen nur noch eine kleine Minderheit bilden, stellen sie seit dem Jahr 2000 mit Klaus Johannis den Bürgermeister von Hermannstadt. Martin Eichler berichtete von seinen Begegnungen mit dem rührigen Mann, der 2004 mit fast 90 Prozent der abgegebenen Stimmen wiedergewählt worden ist. Seit Johannis sein Amt angetreten hat, sind viele Investoren aus Deutschland und Österreich in die Stadt gekommen, wächst der Tourismus und ist die Altstadtsanierung vorangeschritten. Dass Hermannstadt zusammen mit Luxemburg zur „Kulturhauptstadt Europas 2007“ ernannt wurde, hat dem wirtschaftlichen Aufschwung zusätzliche Impulse gegeben.

 

Bei seinem virtuellen Rundgang durch die Stadt stellte Martin Eichler den Besuchern des VDA-Forums die wichtigsten historischen Gebäude vor, so unter anderem das spätgotische Rathaus, das barocke Brukenthal-Palais, das eine bedeutende Bibliothek beherbergt, und die „Lügenbrücke“ – ein Bauwerk aus Gusseisen. Im Bild gezeigt wurde auch die evangelische Stadtpfarrkirche, die im 14. Jahrhundert erbaut worden ist. Von hier hat das ZDF eine Woche nach dem VDA-Forum einen Fernsehgottesdienst übertragen.  

 

Zum Abschluss des Forums wies der Vorsitzende des VDA-Landesverbandes Sachsen, Peter Bien, darauf hin, dass der Verband  2008 den 125. Jahrestag seiner Gründung feiern kann. Das Jubiläum soll mit einer Festveranstaltung des Bundesvorstandes begangen werden.

 

 

 

Die Autoren (v.l.n.r.): Otto Heinek, Prof. Dr. Karl-Heinz Schlarp, Martin Eichler

Foto: Heinz Noack