Peter Bien, Dresden

 

 

Deutsche Minderheiten 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution

VDA-Forum 2009 in Dresden

 

 Welchen Weg sind die deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa seit der "Zeitenwende" 1989 gegangen? Gibt es für sie eine Zukunft und wie kann ihr Kulturerbe bewahrt werden? Mit diesen Fragen befasste sich das VDA-Forum 2009, das am 14. November 2009 vom VDA-Landesverband Sachsen im Dresdner Goethe-Institut veranstaltet wurde.

 

  

  Bereits zum zehnten Mal konnte der Landesvorsitzende Peter Bien Mitglieder und Freunde des VDA sowie Gäste aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu einem Forum über deutsche Minderheiten begrüßen. Schirmherrin der diesjährigen Veranstaltung war die sächsische Landespolitikerin Andrea Dombois (CDU), die als 1. Vizepräsidentin des Sächsischen Landtags und Präsidentin der Europäischen Bewegung Sachsen amtiert.

 

 Das VDA-Forum 2009 stand unter dem Motto "Zeitenwende 1989 - 2009. Deutsche Minderheiten in Ostmitteleuropa 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution". Es knüpfte an die Minder-heitentagung an, die im März 2009 im "Heiligenhof" in Bad Kissingen veranstaltet wurde (siehe "Globus" 3/2009). Einiges von dem, was in Bad Kissingen zu hören war, wurde in Dresden vertieft und präzisiert, und die Teilnehmer bekamen Informationen über neue Entwicklungen im Minderheitenbereich geboten.

 

  

Barbara Wallusch aus Oppeln referierte zum Thema „Chancen und Perspektiven der deutschen Minderheit in Oberschlesien“.

Im nationalstaatlichen Polen der Nachkriegszeit war die Identitätsbewahrung der verbliebenen deutschen Minderheit nicht gegeben. Erst die politischen Ereignisse des Jahres 1989 und der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen ermöglichte den 300.000 bis 350.000 Deutschen, einzeln oder in Gemeinschaft mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe ihre ethnische, kulturelle, sprachliche und religiöse Identität frei zum Ausdruck zu bringen, zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Zahlreiche Deutsche Sozial-Kulturelle Gesellschaften gründeten sich in den 90er Jahren.. Die Referentin berichtete u. a. über das Wirken der Bundes der Jugend der deutschen Minderheit, des Vereins Deutscher Hochschüler in Polen und der Akademischen Verbindung Salia Silesia zu Gleiwitz. Seit dem 1. September 2009 gibt es in Raschau, Kreis Oppeln die erste bilinguale Schule mit Kindergarten, die von dem Verein Pro Liberis Silesiae betrieben wird.  Große Erfolge waren das VI. Deutsche Kulturtage im Oppelner Schlesien und das Dritte Kulturfestival der Deutschen Minderheit in Polen am 12. September 2009 in Breslau.

 

  

Im zweiten Referat stellte Blanka Mouralová aus Tschechien das von ihr geleitete Collegium Bohemicum in Aussig (Ústí nad Labem) vor. Diese noch junge Einrichtung wurde Ende 2006 gegründet und soll sich als zentrale Institution in Tschechien mit dem Kulturerbe der deutschsprachigen Bevölkerung in den böhmischen Ländern befassen.

 

Wichtigstes Projekt des Collegiums, so Blanka Mouralová, ist ein Museum der Deutschen in den böhmischen Ländern, das in einer ehemaligen Schule in Aussig eingerichtet wird. Auf einer Fläche von 1.500 m² soll die Geschichte der Deutschen vom 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart dargestellt werden. Für die Ausstellung werden Objekte aus sieben Jahrhunderten angekauft oder ausgeliehen. In einer ersten Runde wurden der Ankaufskommission mehr als 100 Objekte für über eine Million Tschechischer Kronen angeboten. Das Museum, das zeigen wird, wie die heutige tschechische Gesellschaft das deutsche Kulturerbe interpretiert, soll Ende 2011 oder Anfang 2012 eröffnet werden.

  

  

Über die Entwicklung der ungarndeutschen Literatur nach 1945 sprach Angéla Korb. Sie gehört dem Verband ungarndeutscher Autoren und Künstler (VduAK) an.

 

In ihrem illustrierten Vortrag gab sie einen Überblick über die identitätsstiftende Kulturarbeit ihres Verbandes. Ausgangspunkt für dessen kreatives Schaffen war ein Wettbewerbsaufruf aus dem Jahre 1973 mit dem Titel „Greif zur Feder“. 22 Autoren veröffentlichen in regelmäßigen Abständen ihre literarischen Arbeiten in der „Ungarndeutschen Anthologie“. Die ungarndeutsche Lyrik bietet eine große Themenvielfalt und ist keineswegs nur volksgruppenspezifisch orientiert, auch wenn es in erster Linie um die Sprachbewahrung geht. Identität, Heimat, Heimatliebe, Stadt, Dorf, Mundartdichtung und politische Dichtung sind die Themen. Bei aller Fülle entsteht sogleich die Frage, ob die sich weiterentwickelnde ungarndeutsche Literatur eine eigenständige Regionalliteratur ist oder als Diaspora der deutschen Nationalliteratur betrachtet werden muss.

 

  

Im abschließenden Referat mit dem Titel "20 Jahre im Dienst für eine deutsche Minderheit" befasste sich der stellvertretende Vorsitzende des VDA-Landesverbandes Sachsen, Kurt Beyer, mit der Situation der Deutschen im Gebiet Königsberg (Kaliningrad). Beyer wirkte von 1991 bis 1996 als evangelischer Propst in Königsberg und sammelt heute Spenden für die kirchliche Arbeit im nördlichen Ostpreußen. Nach seiner Auffassung hatte der Fall der Mauer keine Auswirkungen auf die Deutschen in Russland, für sie sei vielmehr der Zusammenbruch der Sowjetunion entscheidend gewesen. Tausende Deutsche aus Kasachstan und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken zogen ins nördliche Ostpreußen. Heute leben hier etwa 5.000 Deutsche, das sind ein Prozent der Bevölkerung.

 

Wegen ihrer negativen Erfahrungen in der Sowjetzeit sind die Deutschen bis heute politisch inaktiv geblieben. Es entstand jedoch eine Kulturgesellschaft mit dem Namen "Eintracht", aus der heraus 1991 die "Deutsche Evangelisch-lutherische Kirchgemeinde Kaliningrad" gegründet wurde. Heute gibt es über 40 evangelische Gemeinden, die viele Möglichkeiten zur Mitwirkung bieten. Diesen Gemeinden ist es vor allem zu verdanken, dass auch die Deutschen im Königsberger Gebiet in den letzten Jahren an Selbstbewusstsein gewonnen haben.