Peter Bien, Dresden

 

 

Hilfe aus Sachsen für die Siebenbürger Sachsen

 

Dresdner Studenten vermessen siebenbürgische Kirchenburgen

 

                                                                                                                         

Mit einer faszinierenden Kulturlandschaft in Rumänien befasste sich das VDA-Forum 2011, das der sächsische Landesverband des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) am 5. November 2011 im Dresdner Goethe-Institut veranstaltete. Die Besucher konnten die Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen kennenlernen und das einzigartige Netz von Wehrkirchen, das in Siebenbürgen errichtet worden ist. Sie erfuhren auch, dass aus dem Freistaat Sachsen Hilfe für den Erhalt der Kirchenburgen geleistet wird.

 

Zu Beginn der Veranstaltung gab Pfarrer Hans Zink eine kirchen- und kulturgeschichtliche Einführung in das Thema „Siebenbürgen und seine Kirchenburgen“. Zink war von 1986 bis 1992 Pfarrer im siebenbürgischen Deutsch-Kreuz und kam als Aussiedler nach Sachsen. Heute steht er im Dienst der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen und wirkt als Pfarrer der Gemeinde Glaubitz.

 

In seinem Vortrag sprach Pfarrer Zink über die Anfänge der deutschen Besiedlung von Siebenbürgen. Es war der ungarische König Geza II. (1130 – 1162), der im 12. Jahrhundert als Erster deutsche Siedler ins Land rief. Die Zuwanderer aus dem Rhein-Mosel-Gebiet, aus Franken, Bayern und Flandern gründeten auf dem „Königsboden“ 250 Dörfer und eine Reihe von Städten. 1224 wurden ihnen in einem „Goldenen Freibrief“ umfangreiche Privilegien zugesichert. Den Namen „Sachsen“ bekamen sie von den Ungarn – mit dem heutigen Sachsen hat er nichts zu tun.

 

Nach 1350 wuchs in Siebenbürgen die Türkengefahr. Deshalb wurden zuerst die Städte befestigt und dann die Dörfer. Um die Kirchen wurden Wehrmauern gebaut, in denen es Kammern für Vorräte gab. Zur Befestigung gehörten auch Schießscharten und Wehrtürme. Letztere dienten auch zur Aufbewahrung von Speck und wurden deshalb „Specktürme“ genannt.

 

Nach Auffassung von Pfarrer Zink sind die Befestigungsanlagen in Siebenbürgen „ein Zeichen der territorialen Auseinandersetzung an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident“, aber auch „ein Zeichen der dörflichen Gemeinschaft“. Eine Kirchenburg bot in doppelter Hinsicht Schutz: zum einen Schutz vor den plündernden feindlichen Horden und zum anderen „Schutz unter dem Wort Gottes“, das gegen den Islam immun machte.

 

Pfarrer Zink wies darauf hin, dass die Reformation die Siebenbürger Sachsen nachhaltig geprägt hat. Der Gelehrte Johannes Honterus (1498 – 1549) veröffentlichte 1547 eine lutherische Kirchenordnung, die für alle Gemeinden galt, und 1572 wurde das Augsburger Bekenntnis angenommen. Seitdem gibt es in Siebenbürgen die Evangelische Kirche Augsburgischen Bekenntnisses (abgekürzt „A. B.“).

 

Heute leben im Karpatenbogen nur noch ca. 15.000 Deutsche. Viele Siebenbürger Sachsen haben ihre Heimat schon in der Ceauşescu-Zeit in Richtung Bundesrepublik verlassen und die Verbliebenen sind fast alle zwischen 1989 und 1992 gegangen, weil sie einen „inneren Drang nach dem Mutterland“ verspürt haben. Trotz dieser widrigen Situation bemühen sich die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien und die Heimatortsgemeinschaften darum, die Kirchenburgen so weit wie möglich zu erhalten.

 

Dass sie bei diesem schwierigen Unterfangen auch Hilfe aus dem Freistaat Sachsen bekommen, veranschaulichte Prof. Dr. Johann-Hinrich Walter, der das zweite Referat des VDA-Forums hielt. Professor Walter lehrt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden und leitet hier das Labor Graphische Datenverarbeitung, das zur Fakultät Geoinformation gehört.

 

Angeregt durch eine ehemalige HTW-Studentin organisierte Professor Walter 2003 erstmals eine „Vermessungsexkursion“ nach Siebenbürgen, an der 14 Studenten und zwei Hochschullehrer teilnahmen. Es folgten bis 2010 sechs weitere Reisen. An dem Projekt haben sich seit 2003 ca. 100 Studenten beteiligt, die überwiegend aus dem Bereich Vermessung kamen, zu einem kleinen Teil aber auch aus dem Bauingenieurwesen. Sie haben bisher sechs Kirchenburgen aufgemessen und auf Bauschäden untersucht: Bodendorf (2003), Stolzenburg (2004), Marienburg (2005), Schäßburg (Klosterkirche, 2006), Groß-Alisch (2008) und Radeln (2009/10). Für 2012 ist Frauendorf vorgesehen, außerdem steht Malmkrog auf der Warteliste.

 

Bei der Vermessung einer Kirchenburg waren bisher in der Regel 15 Studenten im Einsatz. Sie haben an 18 Tagen je zehn Stunden gearbeitet – was insgesamt 2.700 Stunden ergibt. Dafür hätte ihnen Lohn in Höhe von ca. 25.000 Euro zugestanden. Die Teilnehmer haben jedoch nicht nur auf jegliche Vergütung verzichtet, sondern auch noch einen Selbstkostenbeitrag gezahlt. Bei jeder „Exkursion“ kam Technik und Software im Wert von 100.000 Euro zum Einsatz, die von der HTW Dresden und von Sponsoren zur Verfügung gestellt wurde.

 

In den Jahren 2009 und 2010 waren die Dresdner Studenten damit beschäftigt, die Kirchenburg Radeln zu vermessen. Dafür bekamen sie von der Peter-Maffay-Stiftung einen Zuschuss in Höhe von 12.000 Euro. Der Sänger Peter Maffay, der aus Siebenbürgen stammt, hat das Pfarrgut Radeln gekauft und dort ein Kinderheim eingerichtet. Er hat auch für das Kirchendach gespendet. Inzwischen ist die Kirche innen eingerüstet worden und kann auf bessere Zeiten hoffen.

 

Eine mittelalterliche Kirchenburg zu vermessen ist nicht nur eine technische und logistische Herausforderung, sondern auch ein nicht ganz ungefährliches „Abenteuer“. Die Studenten müssen Arbeiten in großer Höhe ausführen und manchmal auf dem Gebälk unter dem Dach balancieren. Auf den Kirchenböden erwartet sie eine dicke Schicht Staub und Taubendreck, die sich im Laufe von Jahrhunderten angehäuft hat.

 

Für die dreidimensionale Aufmessung der Kirchenburgen ist von den Dresdnern eine spezielle Technologie entwickelt worden. Die Objektstruktur wird stets mit Tachymetergeräten digital erfasst. So sind in Radeln ca. 13.000 Punkte angezielt worden. Als Ergebnis einer Vermessung liegen digitale Flächenmodelle und Grundrisse vor,  aber auch eine Fotodokumentation und Karten der Bauschäden. Diese Unterlagen werden dem Landeskonsistorium der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien zur Verfügung gestellt und können für Bauanträge genutzt werden.

 

Heute gibt es in Siebenbürgen noch etwa 150 Kirchenburgen, 15 davon werden zurzeit dauerhaft gesichert. Mit seinem Projekt will Professor Walter einen Beitrag zur Sanierung der Bauwerke leisten, aber auch ein „virtuelles Museum“ der Kirchenburgen schaffen, damit kommende Generationen die Leistungen der Siebenbürger Sachsen nachvollziehen können.