Peter Bien, Dresden

 

 

Aufbruch in Serbien?

 

Das VDA-Forum 2012 befasste sich mit der Neubewertung der Verbrechen an den Donauschwaben

 

„Die Donauschwaben – Schicksalswege in Serbien“ lautete das Thema des VDA-Forums 2012, das der sächsische Landesverband des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA) am 20. Oktober 2012 im Dresdner Goethe-Institut veranstaltete. Die Besucher konnten die Volksgruppe der Donauschwaben kennenlernen, deren Siedlungsgebiet heute teilweise zu Serbien gehört.  Sie erfuhren von den Verbrechen, die von 1944 bis 1948 an den Donauschwaben begangen wurden, aber auch, dass es seit ein paar Jahren in Serbien eine Neubewertung der tragischen Ereignisse gibt.

 

Als Referenten konnte der VDA den Historiker und Journalisten Werner Harasym gewinnen, der von 2009 bis 2011 Vorsitzender der Donauschwäbischen Kulturstiftung in München war.

Harasym hat donauschwäbische Vorfahren; ein Teil seiner Familie ist in den Lagern Titos umgekommen.

 

Einleitend erklärte der Referent, dass in den letzten zehn Jahren in Serbien zahlreiche Gedenkstätten für die ermordeten Donauschwaben errichtet worden sind. Dies könne als Zeichen für eine politische Neubewertung angesehen werden. Außerdem gebe es eine kulturelle Neuausrichtung, was besonders der 2011 gedrehte Film „Die Donauschwaben (Podunavske Švabe)“ zeige. Jedoch habe der Aufbruch Grenzen.

 

Harasym wies darauf hin, dass es sich bei den Donauschwaben um Deutsche handelt, die sich im 18. Jahrhundert im Königreich Ungarn angesiedelt haben. 1918 wurde ihr Siedlungsgebiet auf die drei Nachfolgestaaten von Groß-Ungarn aufgeteilt. Heute leben die Donauschwaben in vier Staaten: Ungarn, Rumänien, Kroatien und Serbien, hier fast ausschließlich in der Autonomen Provinz Vojvodina.

 

Bei Kriegsende befanden sich von den 540.000 Donauschwaben, die bis 1941 in Jugoslawien gelebt hatten, noch 200.000 auf dem Gebiet des wiedererstandenen Staates. 170.000 von ihnen wurden in Lager gesperrt. Der Terror des Tito-Regimes forderte insgesamt 64.000 Todesopfer unter den donauschwäbischen Zivilisten. Viele der Überlebenden sind bis heute schwer traumatisiert.

 

Laut Volkszählung von 2002 leben in der serbischen Vojvodina noch 3.900 Deutsche.  Vertreter deutscher Verbände sprechen jedoch von bis zu 12.000 verbliebenen Donauschwaben.  Im Bezirk Sombor soll es noch 3.500 Deutsche geben. Hier wirkt der Verein „St. Gerhard“, der nach eigenen Angaben über 700 Mitglieder hat.

 

Werner Harasym legte dar, dass es seit etwa zehn Jahren in der Vojvodina  ein spürbares Interesse gibt, die Verbrechen des Tito-Regimes an den Donauschwaben aufzuarbeiten, die jahrzehntelang tabuisiert worden sind. Dafür sprechen nicht nur die Gedenkstätten in den ehemaligen Todeslagern, sondern auch Äußerungen von Regionalpolitikern. So hat im Oktober 2009 der damalige Parlamentspräsident der Vojvodina, Sándor Egeresi, auf einer wissenschaftlichen Tagung erklärt, dass eine Vergangenheitsbewältigung notwendig sei und diese sich als „ein langwieriger, schmerzhafter Prozess über mehrere Generationen“ hinziehen werde.

 

Ein herausragendes Beispiel für die kulturelle Neubewertung der Nachkriegsereignisse ist für Harasym der 2011 produzierte Film „Die Donauschwaben“. Es handelt sich dabei um ein Doku-Drama des 33-jährigen serbischen Regisseurs Marko Cvejic, der in der Vojvodina aufgewachsen ist und heute in Belgrad lebt. In dem Film thematisiert Cvejic die Verbrechen,  die zwischen 1944 und 1948 an den donauschwäbischen Zivilisten begangen worden sind. Er kombiniert eine fiktive Handlung, die in der Gegenwart spielt, mit der Befragung von Zeitzeugen.

 

Der Film ist ein bemerkenswerter Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung in Serbien und hat in Belgrad, aber auch in ehemaligen donauschwäbischen Siedlungen viel Zuspruch gefunden. Er hat die Öffentlichkeit erreicht und viele Menschen in der Vojvodina für die Geschichte sensibilisiert. Auch in Deutschland wurde der Film schon aufgeführt, so in Berlin, München und anderen Städten.

 

Werner Harasym machte deutlich, wo der vermeintliche Aufbruch in Serbien seine Grenzen hat. Es gebe eine gewisse Bereitschaft, die Verbrechen an den Deutschen zur Kenntnis zu nehmen, aber Serbien wolle keine Parlamentsresolution zu den Nachkriegsereignissen verabschieden. Um viele Gedenkstätten habe lange gerungen werden müssen, vor allem um die Inschriften der Tafeln.

 

Dem Regisseur Cvejic sei „Geschichtsrevisionismus“ vorgeworfen worden und das Auswärtige Amt der Bundesrepublik habe sich geweigert, die Filmtour durch die Vojvodina zu unterstützen, weil man fürchtete, der Film werde bei Teilen der serbischen Bevölkerung negative Reaktionen hervorrufen. Trotz all dieser Probleme, so Harasym, sei die Tendenz jedoch „insgesamt erfreulich“.

 

Nach dem Referat von Werner Harasym konnten sich die Besucher des VDA-Forums 2012 den beeindruckenden Film „Die Donauschwaben“ ansehen. Wie an vielen anderen Aufführungsorten löste das Doku-Drama auch in Dresden Mitgefühl und Betroffenheit aus.

 

(Fotos: Bürgel)