Peter Bien, Dresden

 

Vor 250 Jahren an die Wolga gerufen

 

Forum des VDA-Landesverbandes Sachsen über die Geschichte und Gegenwart der Russlanddeutschen

 

Mit einem Ansiedlungsmanifest, das die russische Zarin Katharina II. (1729 – 1796) am 22. Juli 1763 erließ, begann vor 250 Jahren die Geschichte der Russlanddeutschen. Anlässlich dieses Jubiläums veranstaltete der VDA-Landesverband Sachsen am 9. November 2013 im Goethe-Institut Dresden ein Forum, das dem Thema „Die Russlanddeutschen – Geschichte und Gegenwart“ gewidmet war. Die Besucher konnten die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse kennenlernen, von denen die Volksgruppe im Laufe ihrer Geschichte geprägt worden ist. Behandelt wurde auch, wie die Integration der 2,5 Millionen russlanddeutschen Spätaussiedler verläuft und wie die 400.000 in Russland verbliebenen Deutschen leben.

 

Zu dem Forum konnte der sächsische VDA-Landesvorsitzende Peter Bien zahlreiche Gäste begrüßen, darunter die Mitglieder des Bundesvorstandes und des Verwaltungsrates des VDA, die in Dresden getagt hatten. Die Vorsitzenden der beiden Gremien,  Staatssekretär Hartmut Koschyk MdB und Peter-Iver Johannsen, gehörten ebenso zu den Gästen wie der Leiter des Verbindungsbüros des Freistaates Sachsen in Breslau, Andreas Grapatin, und Johann Schuth, der Chefredakteur des in Budapest erscheinenden ungarndeutschen Wochenblattes „Neue Zeitung“.

 

In seinem Grußwort wies der VDA-Bundesvorsitzende Hartmut Koschyk darauf hin, dass die Geschichte der Russlanddeutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Leidensgeschichte gewesen sei, sich dann aber zu einer „Geschichte der Rückwanderung nach Deutschland und der Integration in die deutsche Gesellschaft“ entwickelt habe. Die Integration sei von Anfang an erfolgreich verlaufen, doch wisse man in breiten Kreisen der deutschen Gesellschaft wenig über die Russlanddeutschen und deren Schicksal.

 

Dass Aussiedler aufgenommen werden, gehöre zu den Konstanten der deutschen Politik, aber die Bundesregierung unterstütze auch die Deutschen, die in ihrer Heimat bleiben wollen. So seien für das Jahr 2013 ca. 9,3 Millionen Euro Unterstützungsleistungen zugunsten der in der Russischen Föderation lebenden Deutschen vorgesehen.

 

Kristina Pavlovic, die Leiterin des Goethe-Instituts Dresden, hieß die Teilnehmer des VDA-Forums in ihrem Haus willkommen. Sie erklärte, dass ihr die Geschichte der Russlanddeutschen nicht unbekannt sei, war sie doch vor einigen Jahren Mitherausgeberin einer Bibliographie über diese Volksgruppe (Brandes, Detlef; Busch, Margarete; Pavlovic, Kristina: Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Band 1: Von der Einwanderung bis 1917. München 1994).

 

Den ersten Vortrag des VDA-Forums hielt Prof. Dr. Karl-Heinz Schlarp, der viele Jahre als Osteuropa-Historiker an der Technischen Universität Dresden gewirkt hat. Er sprach zum Thema „Die Geschichte der Russlanddeutschen von der Einwanderung bis zur Gegenwart“, wobei er der Ansiedlung der Deutschen besondere Aufmerksamkeit widmete.

 

Professor Schlarp legte dar, dass schon im Mittelalter und zur Zeit von Peter I. (1672 – 1725) deutsche Kaufleute und Handwerker in Russland lebten. Die große Siedlungsbewegung im 18. Jahrhundert hat im Zeichen einer umfassenden staatlichen Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik gestanden. Durch „Peuplierung“ sollten menschenarme Regionen besiedelt und wirtschaftlich genutzt werden. Dem Ruf der Zarin Katharina II. sind innerhalb von zehn Jahren 30.000 Bauern gefolgt, die vor allem aus dem deutschen Südwesten kamen. In den darauffolgenden 50 bis 60 Jahren machten sich zwischen 100.000 und 200.000 deutsche Kolonisten auf den Weg nach Russland.

 

Die erste Generation der Siedler musste ums Überleben kämpfen, doch wuchs die Zahl der deutschen Bauern bis 1897 auf 1,2 Millionen an. Die beiden größten Gruppen waren die 400.000 „Wolgadeutschen“ und die 380.000 „Schwarzmeer-Deutschen“, aber auch in Bessarabien und im Kaukasus gab es deutsche Siedlungen. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden von den etwa 300 Primärsiedlungen aus mehr als 3.000 „Tochterkolonien“ gegründet – bis nach Sibirien hinein. Mit einer Fläche von 9,5 Millionen Hektar besaßen die Russlanddeutschen einen Anteil am nutzbaren Land, der weit über ihrem Bevölkerungsanteil lag.

 

Professor Schlarp machte deutlich, dass die besondere Stellung der Russlanddeutschen mit der Aufhebung ihrer Sonderrechte im Jahr 1871 und der Einführung der Militärpflicht im Jahr 1874 verloren gegangen ist. Nach dieser „negativen Wende“ wanderten fast 300.000 Deutsche nach Übersee aus. Mit dem Ersten Weltkrieg begann dann die große existentielle Erschütterung in der Geschichte der Volksgruppe. Es kam zu Massenausschreitungen  und  ab 1915 wurden Tausende Deutsche aus dem Westen und Südwesten des Russischen Reiches ins Landesinnere deportiert. In den Jahren der Revolution und des Bürgerkrieges wurde die Existenz der deutschen Kolonisten nicht nur durch die Kämpfe zwischen „Roten“ und „Weißen“ gefährdet, sondern auch durch Missernten, Hunger und Raub.

 

Mit der Gründung der „Autonomen sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ im Jahr 1924 und der Bildung von 17 autonomen Rayons begann eine kurzzeitige Blüte der deutschen Kultur und Bildung, doch fand diese hoffnungsvolle Entwicklung schon in den 1930er Jahren ihr Ende. Nach dem Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Jahr 1941 wurde über eine Million Deutsche nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert. Die Verbannten mussten in Sondersiedlungen leben und insbesondere in der „Trud-Armija“ Zwangsarbeit leisten, was Tausende von ihnen das Leben gekostet hat. Erst 1955 wurden die Sondersiedlungen aufgehoben, und 1964 sprach der Oberste Sowjet die Deutschen vom Vorwurf der „Kollaboration mit dem Feind“ frei.

 

Weil sie nicht in ihre Heimatgebiete zurückkehren durften und die Russifizierung fortschritt, entschlossen sich viele Deutsche, in ihre „historische Heimat“  zurückzukehren. Mit dem Ende der Sowjetunion wuchs die Auswanderung lawinenartig an. Etwa 2,5 Millionen Menschen kamen in die Bundesrepublik, um hier ein besseres Leben und gesellschaftliche Akzeptanz zu finden. „Dieser Massenexodus hat die Geschichte der Deutschen in Russland faktisch zum Abschluss gebracht“, so Professor Schlarp in seinem Resümee.

 

 Auf die Ausführungen zur Geschichte der Volksgruppe folgte ein Vortrag von Dr. Wolfgang Schälike, dem Leiter des Deutsch-Russischen Kulturinstituts Dresden (DRKI). Er  behandelte das Thema „Die heutigen deutsch-russischen  Beziehungen und die Bedeutung der Russlanddeutschen für den deutsch-russischen Dialog“.

 

Zu Beginn seines Referats stellte Dr. Schälike das DRKI vor, das 1993 gegründet worden ist und seitdem an der Nahtstelle der deutschen und der russischen Kultur „politische Kulturarbeit“ leistet.  Dem Institut ist es zu verdanken, dass 2006 in Dresden ein Denkmal für den Dichter Fjodor Dostojewski (1821 – 1881) eingeweiht werden konnte. Von Anfang an hat sich das Institut der Betreuung von russlanddeutschen Aussiedlern gewidmet, und es hat ein Projekt durchgeführt, bei dem es um das Thema „Sächsische Spuren in Russland“ gegangen ist.

 

Der Referent machte deutlich, dass die Aussiedlung von Russlanddeutschen in die Bundesrepublik immer eine politische Dimension hatte. Die Integration als Ganzes sei gelungen. Es gebe jedoch Probleme mit der Anerkennung von Berufsabschlüssen, und das Potenzial der Russlanddeutschen werde nicht genutzt. Bei einem Teil der Zuwanderer gebe es Identitätsprobleme, insbesondere bei „Haupternährern“ von Familien.

 

Zwischen Deutschland und Russland, so Dr. Schälike, sollte ein solches Verhältnis entstehen wie zwischen Deutschland und Frankreich. Eine wichtige Rolle könnten dabei die Russlanddeutschen spielen, seien sie doch Träger zweier Sprachen, Identitäten und Kulturen. Sie könnten Mittler zwischen den Kulturen sein. Ideal wäre es, wenn sie sich als Deutsche und Russen betrachten würden. Um dies zu erreichen, sollten die Kinder in den russlanddeutschen Familien bilingual erzogen werden.

 

Zusätzlich zu den beiden Referaten wurden den Besuchern des VDA-Forums zwei interessante Präsentationen geboten. Im Vortragssaal des Goethe-Instituts  war eine Ausstellung über die Geschichte der Deutschen in Sankt Petersburg zu sehen, die vom DRKI gestaltet worden ist. Außerdem zeigten Frauen, die zur Landsmannschaft der Russlanddeutschen in Dresden gehören, selbst gefertigte, filigrane Schmuckstücke.

(Fotos: G. Bürgel)