Peter Bien, Dresden

 

Vor 55 Jahren: Ungarndeutsche werden nach Sachsen ausgesiedelt

 

 

Im Jahr 1941 lebten auf dem heutigen Staatsgebiet von Ungarn über 400 000 Deutsche. Etwa die Hälfte von ihnen musste nach dem Krieg ihre Heimat verlassen. Aufnahmegebiet für die Vertriebenen aus Ungarn war zunächst der amerikanisch besetzte Teil von Deutschland, wo im Laufe des Jahres 1946 150 000 Ausgewiesene eintrafen.

 

Vor 55 Jahren, im August 1947, begannen die ungarischen Behörden damit, Deutsche gewaltsam in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) auszusiedeln. Der erste Güterzug mit ungarndeutschen Vertriebenen traf am 22. August 1947 im sächsischen Pirna ein und wurde dort in das Aufnahmelager „Graue Kaserne“ geleitet.

 

In dem Transport, der vier Tage unterwegs gewesen war, befanden sich 1 431 Personen: 477 Männer, 731 Frauen und 223 Kinder. Eine 60-jährige Frau erlitt unmittelbar nach der Ankunft einen Herzinfarkt und verstarb im Lagerrevier.

 

In der „Grauen Kaserne“ mussten die aus Ungarn Ausgewiesenen eine vierzehntägige Quarantänezeit verbringen. Während dieser Zeit wurden sie nach ihren politischen Überzeugungen befragt und es wurde untersucht, inwieweit sie „arbeitstauglich“ waren. Besonderes Interesse bestand daran, die „bergtauglichen“ Männer zu ermitteln. 

      

Für die Ausgesiedelten war es manchmal schwierig, sich mit dem deutschen Lagerpersonal zu verständigen. Die meisten von ihnen beherrschten nicht die Hochsprache, sondern gebrauchten altertümliche oberdeutsche Dialekte – oder sie bedienten sich der ungarischen Sprache. Obwohl sie als Deutsche vertrieben worden waren, betrachteten sich viele als loyale Ungarn und erklärten: „Azért mi mégis magyarok maradunk. – Wir bleiben trotzdem Ungarn.“  

 

Dem ersten Transport mit Ungarndeutschen folgten bis zum 13. Juni 1948 32 weitere. Innerhalb von zehn Monaten wurden 49 306 Deutsche aus dem Donaubecken in die SBZ abgeschoben; davon kamen 46 324 nach Sachsen und 2 982 nach Sachsen-Anhalt.

 

Ein großer Teil der nach Sachsen ausgewiesenen Ungarndeutschen wurde in den Uranbergbaugebieten im Vogtland und Erzgebirge angesiedelt. Die anderen fanden überwiegend Aufnahme in den Kreisen Meißen und Pirna sowie in der Oberlausitz und im Umland von Leipzig.

 

 

Denkmal für die vertriebenen und gefallenen Ungarndeutschen in der ungarischen Gemeinde Mesch/Mözs.

Viele Einwohner des Ortes wurden im September 1947 nach Sachsen ausgesiedelt. (Foto: Bien)