Peter Bien, Dresden

 

Minderheitenförderung mit sozialistischen Vorzeichen

 

Die DDR und die Ungarndeutschen in den 1980er Jahren

 

„Die DDR hat sich gegenüber den Ungarndeutschen einer nationalen Verantwortung gestellt.“ Mit diesem Befund überraschte die junge Germanistin Claudia Krah die Teilnehmer des „VDA-Forums 2003“, einer Veranstaltung des Landesverbandes Sachsen des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA). Claudia Krah sprach auf dem Forum, das am 18. Oktober in Dresden stattfand, zum Thema „Die Ungarndeutschen in den 1980er Jahren – eine Zielgruppe der Sprach- und Kulturpolitik der DDR“.

 

In ihrem Vortrag stellte die Referentin die Ergebnisse ihrer Magisterarbeit vor, die sie im vergangenen Jahr an der TU Dresden vorgelegt hat. Das Verhalten der DDR gegenüber den Ungarndeutschen wird auch Gegenstand ihrer Doktorarbeit sein. Darüber hinaus hat Claudia Krah, die 1970 in Dresden geboren wurde, auch eine ganz persönliche Beziehung zum Thema „Ungarndeutsche“: Ein Teil ihrer Familie lebte bis zur Vertreibung im Jahr 1947 im südungarischen Ort Boschok (Palotabozsok).

   

Um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was die DDR für die Ungarndeutschen getan hat, recherchierte Claudia Krah im Bundesarchiv in Berlin. Im Nachlass der DDR-Ministerien fand sie nach längerer Suche Belege für eine recht verborgene Sprach- und Kulturförderung. Einige Quellen waren bisher noch völlig unerschlossen.

 

Zu Beginn ihres Vortrags erläuterte die Referentin die Situation der Ungarndeutschen in den 1980er Jahren. Sie sagte, es sei nach 1945 zu einem „hohen Sprachverlust“ bei den Ungarndeutschen gekommen: durch die Unterdrückung der deutschen Sprache und Kultur in den Nachkriegsjahren sowie durch die Vertreibung und deren Folgen. Eine ganze Generation sei der deutschen Sprache entfremdet worden – die so genannte „stumme Generation“. Von den 200 000 bis 220 000 in Ungarn verbliebenen Deutschen gebrauchten in den 1980er Jahren nur 30 000 die deutsche Sprache im Alltag.

 

Nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki im Jahr 1975 setzte in Ungarn eine „Wiederbelebungspolitik“ ein. So wurden Nationalitätenschulen und -kindergärten eingerichtet und mundartliche sowie ethnologische Forschungen gefördert. Dadurch konnte der Sprachverlust bei den Ungarndeutschen zwar aufgehalten werden, aber ein tendenzieller Anstieg des Deutschen im Sprachgebrauch war nicht zu verzeichnen.

 

In der DDR, so Claudia Krah, war offiziell nichts über deutsche Minderheiten im Ausland zu hören – der KSZE-Prozess führte jedoch auch hier zu einem veränderten Umgang mit nationalen Minderheiten. Ab 1982 bemühte sich die DDR intensiv um die deutsche Minderheit in Ungarn, wobei sie vom ungarischen Staat unterstützt wurde. Eine wichtige Rolle spielte bei diesen Aktivitäten das Kultur- und Informationszentrum der DDR (KIZ) in Budapest.

 

Aufgrund der Kontakte des KIZ zum damaligen „Demokratischen Verband der Ungarndeutschen (DVUD)“ – und geregelt durch staatliche Verträge – kam es zu einer besonderen Sprach- und Kulturförderung für die Ungarndeutschen. Diese unterschied sich hinsichtlich ihrer Intensität erheblich von den sprach- und kulturpolitischen Aktivitäten, mit denen die DDR die ethnischen Ungarn zu erreichen versuchte.

 

Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer, die zur deutschen Minderheit gehörten, wurden zur Ausbildung in die DDR geschickt und Bildungseinrichtungen der Ungarndeutschen gezielt mit DDR-Lehrmitteln versorgt. Die ungarndeutschen Pädagogen wurden bei der Erarbeitung von Lehrwerken und Unterrichtsmaterialien unterstützt und bekamen die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Außerdem wirkten DDR-Lektoren bei deutschsprachigen Radiosendungen mit und verfassten Beiträge für die in Budapest erscheinende „Neue Zeitung“.

 

Nach Auffassung von Claudia Krah haben diese Aktivitäten der DDR in Ungarn und unter den Ungarndeutschen ein hohes Ansehen verschafft und sind durchweg auf positive Resonanz gestoßen. Ganz anders sah es dagegen mit den Bemühungen der DDR aus, mittels der Landeskunde Werbung für sich und ihr politisches System zu betreiben. Die DDR-Landeskunde, die in Ungarn vermittelt wurde, fußte ausschließlich auf der marxistisch-leninistischen Ideologie und hatte deshalb auf die meisten Ungarndeutschen eine eher abschreckende Wirkung.    

 

Claudia Krah wies darauf hin, dass die Bundesrepublik Deutschland und Österreich Ende der 1980er Jahre begannen, sich massiv für die Ungarndeutschen zu engagieren. Dadurch sei die DDR einem Wettbewerb ausgesetzt worden, dem sie immer weniger gewachsen war: wegen ihrer mangelnden ökonomischen Potenz – und wegen der ideologischen Fesseln ihrer Sprach- und Kulturpolitik. Nachdem sich mit der „Wende“ der SED-Staat als überholt erwies, waren auch dessen Kultur- und Sprachaktivitäten in Ungarn zum großen Teil „der Unglaubwürdigkeit preisgegeben“: die tendenziös vermittelte Landeskunde ebenso wie die ideologisch überfrachteten Anstrengungen auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft.

 

Zum Schluss ihres Vortrags resümierte Claudia Krah, dass die DDR trotz aller ideologischen Belastungen einen nicht zu unterschätzenden Beitrag dafür geleistet habe, dass sich die Ungarndeutschen sprachlich und kulturell behaupten konnten. Was die DDR auf dem Gebiet der Sprachvermittlung und der Lehrerweiterbildung unternommen hat, werde auch nach dem Systemwechsel in Ungarn anerkannt. So habe der Sprachwissenschaftler Csaba Földes 1992 geschrieben, dass „aus fachlicher und sprachlicher Sicht der Wegfall der Vollstipendien für ungarndeutsche Studenten in der ehemaligen DDR ein nicht unbeträchtlicher Verlust sei“.

 

Zu einer Zeit, als weder die Bundesrepublik Deutschland noch Österreich nennenswerte Aktivitäten für die deutsche Minderheit entwickeln konnten, so Claudia Krah, sei es der DDR vorbehalten geblieben, den Ungarndeutschen Unterstützung zukommen zu lassen – insbesondere auf sprachlichem Gebiet. Unter dem Deckmantel des Marxismus-Leninismus sei über weite Strecken eine „klassische Politik“ zur Unterstützung einer auslandsdeutschen Minderheit betrieben worden.