Peter Bien, Gert Bürgel, Dresden

 

Wanderausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ in Ungarn

 

 

Am 18. September 2000 wurde die Wanderausstellung „Große Deutsche aus dem Osten“ vom Landesverband Sachsen des VDA und der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat in Fünfkirchen (Pécs) eröffnet. Gastgeber dafür ist der Ungarische Kulturverein Nikolaus Lenau e.V.

 

Die Ausstellung präsentiert auf Schautafeln 80 ausgewählte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, die ihre Wurzeln im alten deutschen Osten und in den deutschen Siedlungsgebieten hatten oder die in diesen Gebieten wirkten.

Vertreten sind die Bereiche Wissenschaft und Künste, Theologie und Technik, Politik und Militärgeschichte. Als Beispiele seien genannt Balthasar Neumann und Paul Ehrlich, die auf den 50 bzw. 200 DM Geldscheinen zu sehen sind.

Die Ausstellung möchte am Beispiel herausragender Persönlichkeiten die kulturelle Einheit Europas und den Anteil der Deutschen aus dem Osten sichtbar machen.

 

Schüler von ungarndeutschen Bildungseinrichtungen gaben der Veranstaltung mit musikalischen Darbietungen einen festlichen Rahmen. Großes Medieninteresse fand die Veranstaltung beim regionalen Radio und Fernsehen sowie beim Fernsehen für die deutsche Minderheit in Ungarn.

 

Noch vor wenigen Monaten war es kaum vorstellbar, dass die von der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat gestaltete Ausstellung in Ungarn gezeigt werden kann. Grund dafür ist die Einstellung der institutionellen Förderung des Ostdeutschen Kulturrates mit Wirkung vom 1. Juli 2000 durch eine Weisung des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien, Staatsminister Dr. Michael Naumann. In dieser schwierigen Situation kam die Hilfe aus Sachsen.

Der erst 1999 neu gegründete Landesverband des VDA übernahm die Trägerschaft und das Sächsische Staatsministerium des Innern förderte das Projekt mit etwa zwei Drittel der Kosten.

 

Grußworte zur Eröffnung der Ausstellung sprachen der Ministerialrat des Sächsischen Innenministeriums, Harald Piekert, der Vorsitzende des VDA-Landesverbandes Sachsen, Peter Bien und der Vorsitzende des Fünfkirchener Lenau-Vereins, Lorenz Kerner. Das Eröffnungsreferat hielt der Präsident des Ostdeutschen Kulturrates, Prof. Dr. Eberhard Schulz.

 

Alle Redner gingen in ihrem Anliegen weit über die bloße Würdigung der Eröffnung dieser Ausstellung hinaus. Sie zeigten sehr anschaulich die umfangreichen kulturpolitischen Aktivitäten, Ziele und Initiativen ihrer Organisationen bzw. Institutionen. Damit konterkarierten sie zugleich die unglückliche Entscheidung der Bundesregierung, Projekte des Ostdeutschen Kulturrates nicht mehr zu fördern.

Und dies ist bekanntlich nicht die einzige Entscheidung dieser Art, wie das auch die Beispiele gegenüber dem VDA und dem Goethe-Institut in der Vergangenheit zeigten.

 

Wichtige Passagen und Kernsätze aus den Reden sind nachfolgend zusammengestellt:

 

Ministerialrat Harald Piekert vom Sächsischen Ministeriums des Innern ist Leiter des Referats für Spätaussiedler und Vertriebenenangelegenheit.  Er überbrachte Grüße des sächsischen Innenministers Klaus Hardraht und legte dar, was der Freistaat an Kulturpflege und –förderung leistet für die in Sachsen lebenden Vertriebenen und für die deutschen Minderheiten in den historischen Siedlungsgebieten in  Ostmittel-, Südost- und Osteuropa.

Diese Jahr werden für die kulturelle Breitenarbeit im Freistaat Sachsen 1 Million DM verwendet, u.a. für die Förderung des Bundes der Vertriebenen und für Präsentationen von Ausstellungen, wie z.B. für die 1999 in Dresden gezeigte Ausstellung über den Dichter Nikolaus Lenau.

Sachsen fördert auch die wissenschaftliche Forschung und Dokumentation wie z.B. eine Promotion zum Thema „Aufnahme von Vertriebenen in Sachsen“ sowie die grenzüberschreitende Kulturarbeit in Tschechien und Polen. Künftig soll es auch Unterstützungen für die Ungarndeutschen geben.

 

Peter Bien, der Vorsitzende des Sächsischen Landesverbandes des VDA stellte seine Rede unter das Motto: „Wir bauen Brücken in alle Welt“. Er umreißt die Geschichte und Ziele des VDA-Gesamtverbandes bis hin zu den aktuellen Aufgaben des noch jungen Sächsischen Landesverbandes:

Der VDA versteht sich als Brücke zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den außerhalb des geschlossenen deutschen Sprachraumes lebenden Menschen, die sich zur deutschen Sprache und Kultur bekennen. Ziel des VDA ist es, die deutschen Gemeinsamkeiten in aller Welt zu unterstützen und den Auslanddeutschen bei der Bewahrung ihrer Kultur und Muttersprache zu helfen. Der VDA vertritt die Auffassung, dass es zum politischen Ethos eines Volkes gehört, sich um die  im Ausland lebenden Landsleute zu kümmern. In diesem Sinne ist auch die Präsentation dieser Ausstellung im traditionellen Siedlungsgebiet der Ungarndeutschen zu verstehen.

Der heutige –  seit 1999 so bezeichnete - „Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland“ wurde 1881 in Berlin als „Allgemeiner Deutscher Schulverein“ gegründet. Er kann also im kommenden Jahr auf sein 120-jähriges Bestehen zurückblicken. Ziel der Vereinsgründung war es, den Deutschen in der ungarischen Hälfte der österreichisch-ungarischen Monarchie zu helfen, ihre sprachliche und kulturelle Identität zu bewahren. Innerhalb weniger Jahrzehnte erweiterte der Verein, der seit 1908 den Namen „Verein für das Deutschtum im Ausland“ trägt, sein Betätigungsfeld erheblich. Es wurden Kontakte in alle europäischen und überseeischen Staaten geknüpft. Der Verein verlor aber nie die Ungarndeutschen aus seinem Blickfeld. Das blieb auch so, als der Verein im Jahre 1955 wiedergegründet wurde. Wirklich intensive Kontakte zu den Ungarndeutschen sind aber erst seit der Wiedervereinigung und dem Ende des Ost-West-Konfliktes möglich.

Auch der erst vor einem Jahr wiedergegründete Sächsische Landesverband des VDA mißt der  Pflege von Kontakten zu den Ungarndeutschen große Bedeutung bei. Im März dieses Jahres stand seine erste größere Veranstaltung unter dem Motto: „1000 Jahre ungarischer Staat – 1000 Jahre Zusammenleben von Ungarn und Deutschen“.

Der Landesverband sieht sich als Mittler zwischen der gesellschaftlicher Öffentlichkeit und den auslanddeutschen Volksgruppen. In Sachsen gibt es auch regionale Verbände der Landsmannschaft der Ungarndeutschen. Seine Mitglieder sind Menschen, die 1947/48 ihre Heimat in Ungarn verlassen mussten bzw. deren Nachkommen. Von 1947 bis Juni 1948 kamen ca. 50 000 Ungarndeutsche in die Sowjetische Besatzungszone, von denen 46 000 in Sachsen Aufnahme fanden.

 

Lorenz Kerner ist Vorsitzender des Lenau-Vereins in Fünfkirchen.

Er knüpft an die Ausführungen des VDA-Landesvorsitzenden Peter Bien an und erinnert an die vertriebenen Ungarndeutschen, die über das Aufnahmelager Pirna nach Sachsen gekommen sind. Er bedankte sich dafür, dass das Land Sachsen die heute noch in Ungarn lebenden Deutschen nicht vergessen hat. Deutschland könne stolz sein auf die Verdienste, die seine Landleute im östlichen Europa erworben haben.

Das Selbstverständnis der Ungarndeutschen komme sehr treffend auf einer CD zum Ausdruck, die erst vor kurzem herausgegeben wurde. Diese enthält vier Hymnen:

- die Hymne der Ungardeutschen

- die Nationalhymne Ungarns, die das Vaterlandsgefühl der Ungarndeutschen aus drückt und die von dem Deutschen Franz Erkel (aus Gyula) verfasst wurde

- das Deutschlandlied – die Hymne der Deutschen aus Ungarn, die nach dem 2. Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten und jetzt in der Bundesrepublik Deutschland leben

- das Europalied – es zeigt den Weg in die Zukunft.

 

Zum Inhalt und Anliegen der Wanderausstellung hielt der Präsident des Ostdeutschen Kulturrates, Prof. Eberhard Schulz von der Universität Duisburg, das Eröffnungsreferat.

Die Ausstellung wurde in mehreren Städten in Deutschland, aber auch im Baltikum gezeigt; in der alten Universitätsstadt Dorpat und in der von deutschen Kaufleuten und Gelehrten mitgeprägten lettischen Hauptstadt Riga.

Nunmehr hat die Ausstellung auch den Weg in ein deutsches Siedlungsgebiet auf dem Boden der einstigen österreichisch-ungarischen Donaumonarchie gefunden.

 

Die Ausstellung ist in mehrfacher Hinsicht ein interessantes Lehrstück:

Auf Schautafeln werden 80 Persönlichkeiten aus dem historischen deutschen Osten vorgestellt, die Herausragendes geleistet und damit weltweite Anerkennung gefunden haben. Die meisten Dargestellten sind Beispiele für eine Weltoffenheit, die jede nationale Enge und jeden Lokalpatriotismus hinter sich läßt. Und Weltoffenheit ist letztlich die Bedingung für jeden Fortschritt.

Zugleich leistet die Ausstellung einen Beitrag zur Herausbildung eines gesunden Nationalbewußtseins der Deutschen nach alledem, was von 1933 bis 1945 in Deutschland und durch Deutschland geschehen ist. Das deutsche Volk hat bewundernswerte Beiträge zur Kultur der Menschheit geleistet und dazu haben die Deutschen in den historischen Siedlungsgebieten im Osten einen überdurchschnittlichen Anteil geleistet.

Der Sinn der Ausstellung sei auch mit diesem Zitat des Redners umrissen:

„Die Großen des Geistes sind die unvergesslichen Kameraden der ganzen Menschheit... Denn die Kulturleistungen der Zukunft können nur entstehen auf dem Boden der Überlieferungen bereits vor uns gewonnener Erkenntnisse, Problemstellungen und überzeugender Gestaltungen.“

 

Bis Anfang November war die Ausstellung in Fünfkirchen zu besichtigen. Ab dem 6. November wird sie in Ödenburg / Sopron zu sehen sein und im Jahr 2001 auch in Budapest.