Oliver Bagaric     

 

„Die deutsche Minderheit in Jugoslawien und den Nachfolgestaaten von 1945-2005“

Vortrag anläßlich des VDA-Forums  „Brennpunkt Südosteuropa – Deutsche Minderheiten 1920-1945-2005“.

am 15. Oktober 2005 im World-Trade-Center Dresden,

 

Die Geschichte der deutschen Minderheit in Jugoslawien nach 1945 ist – leider Gottes – die Geschichte einer aussterbenden Volksgruppe. Betrachtet man die Zahlen, die bei den Bevölkerungszählungen in der Nachkriegszeit ermittelt wurden, ist ein kontinuierlicher Rückgang festzustellen. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch die Partisanen Ende 1944 befanden sich noch circa 200 000, vor allem Donauschwaben unter deren Einflussbereich. Sie blieben, weil sie nicht evakuiert werden konnten und/oder im Bewußtsein, nichts Unrechtes getan zu haben. Schon bei der ersten Bevölkerungszählung nach dem Krieg, 1948, waren nur noch 55 000 Deutsche in Jugoslawien und 1981 ganze 10 000. Das war alles, was von einer 500 000 starken, wirtschaftlich überdurchschnittlich produktiven nationalen Minderheit geblieben war, die nach der Zerschlagung Österreich-Ungarns zahlenmäßig genauso stark war, wie etwa die ungarische oder die albanische Minderheit im neuentstandenen SHS-Staat. Was war passiert?

1945 – die Stunde Null der Donauschwaben in Jugoslawien

Auf die Ereignisse und das Verhalten der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien während des zweiten Weltkrieges ist eingegangen worden. Hier ist die Frage nach dem Verhalten des Tito-Regimes und der kommunistischen Regierung gegenüber den Deutschen von vorrangiger Bedeutung. Die gesamte deutsche Volksgruppe in Jugoslawien wurde mit den AVNOJ1-Beschlüssen vom 21. November 1943 und am selben Datum 1944 ohne Gerichtsverfahren und unter Anwendung der völkerrechtlich unhaltbaren These der Kollektivschuld zu Feinden Jugoslawiens erklärt, entrechtet und enteignet.2 Der Inhalt der AVNOJ-Erlässe von Jajce lautete:

1. Verlust der jugoslawischen Staatsbürgerschaft und aller bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Volkszugehörigen.

2. der gesamte bewegliche und unbewegliche Besitz aller Personen deutscher Volkszugehörigkeit wird vom Staat beschlagnahmt und geht in dessen Eigentum über.

Von den 200 000 Verbliebenen wurden ca. 170 000 in Arbeits- und Konzentrationslager in Slowenien, Kroatien und der Vojvodina interniert, ca. 30 000 wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Fast ein Drittel der 200 000 enteigneten und entrechteten Deutschen, genauer 64 000, vor allem Zivilisten kamen zwischen 1944 und der Lagerauflösungen im Jahre 1948 ums leben. Es handelte sich dabei in der Batschka um die Lager Ba_ki Jarak

(Jarek), Gakovo (Gakowa) und Kruševlje (Kruschiwl). Im Banat waren es die Lager Molin (Molidorf), Kni_anin (Rudolfsgnad), in Syrmien das Lager Seidenfabrik in Sremska Mitrovica (Syrmisch Mitrowitz). In Slawonien gab es die Lager Valpovo (Walpach) und Krndija (Kerndia), um nur einige bekanntere zu nennen. In allen Lagern war die Zahl der Todesopfer hoch: willkürliche Erschießungen, Misshandlungen, völlig unzureichende Nahrung und ununterbrochen schwere physische Arbeit rafften die Insassen dahin. Auffällig ist, dass sich die Vertreibungs- und Internierungspolitik der Partisanen und der kommunistischen Behörden ausschließlich gegen die Deutschen richtete. Obwohl der Nationalitätengegensatz zwischen Serben und Ungarn nach dem ersten Weltkrieg und erst

recht nach der Besetzung der Ba_ka und Baranja durch ungarische Truppen mit den sich daran anschließenden Serbenverfolgungen fraglos schärfere Formen angenommen hatte, als sie je für das Verhältnis der volksdeutschen zur andersnationalen Bevölkerung kennzeichnend war.

Besonders tragisches Schicksal ereilte die Kinder unter 14 Jahren, die oft von ihren Eltern getrennt wurden und in gesonderte Lager, danach in Waisenhäuser mit anderen, in dem Fall elternlosen slawischen Kindern kamen, wo ihnen der Gebrauch ihrer Muttersprache untersagt wurde. Diese Behandlung kam einer ethnischen Umerziehung gleich und erst Jahre nach dem Krieg hat das Rote Kreuz es geschafft, einen Großteil, aber nicht alle diese Kinder nach Deutschland und Österreich zu ihren Eltern zu bringen.

Der jugoslawischen Regierung ging es nach dem Krieg darum, die deutsche Bevölkerung insgesamt und endgültig aus dem Land zu entfernen.3 Denjenigen beispielsweise, welche mit Krankentransporten aus der Sowjetunion ab 1946 zurückkamen, wurde die Einreise ins Land verweigert. Die Partisanen taten alles, damit eine möglichst große Zahl an Volksdeutschen Jugoslawien für immer verlässt, was sie aber nicht daran hinderte, diese Zahlen in ihre demographischen Verlustrechnungen einzubeziehen.4 Neben den organisierten Transporten nach Österreich, wurden beispielsweise die Lager absichtlich schlecht bewacht, um einer möglichst großen Zahl der Gefangenen die Flucht zu ermöglichen und sie auf diese Art und  Weise loszuwerden.

Der Völkerrechtler der Universität Würzburg, Prof. Dieter Blumenwitz hat 2001 in einem Gutachten den Beweis erbracht, dass die in Jugoslawien zwischen 1944-1948 gegen die gesamte autochtone deutsche Bevölkerungsgruppe ergriffenen Maßnahmen, die neben Massentötungen die kollektive Enteignung und Entrechtung, die Internierung und Vertreibung sowie die zwangsweise ethnische Umerziehung von Kindern umfassten, im Sinne der Völkermordkonvention der UN vom Dezember 1948 den Tatbestand des Völkermordes erfüllen.

Nach dem Krieg sahen sich die Donauschwaben in Jugoslawien einem generellen Faschismus- und Kollaborationsvorwurf mit dem Dritten Reich ausgesetzt, ihnen wurde in der Gesamtheit eine landesverräterische Rolle als „Fünfte Kolonne“ zugeschrieben und sie wurden mit einer Kollektivschuld beladen. Diese Vorwürfe dienten der prinzipiellen ideologisch-politischen Rechtfertigung von Aussiedlung, Vertreibung, Deportation, Zwangsarbeit, Enteignung und politischer Diskriminierung als Maßnahmen kollektiver Vergeltung.5 Weitere Motive für das drakonische Vorgehen der Partisanen gegen die deutsche Bevölkerung bestanden in der Forderung der aus den kargen Gebieten kommenden Partisanenkämpfer, mit fruchtbarem Land belohnt zu werden, des weiteren im ideologisch motivierten Plan, mittels der Enteignung von Grund und Boden der Deutschen die Sowjetisierung der Wirtschaft in Gang zu setzen und schließlich in der Beispielswirkung, die von Polen, Tschechien, Ungarn und den deutschen Ostgebieten ausging. Der Beschluss der Potsdamer Konferenz vom 2.8.1945 betreffend eine „geregelte und humane“ Durchführung des „Bevölkerungstransfers“ sanktionierte im Grunde schon einen sich im vollen Gange befindlichen Prozess in den OME-Staaten. „In Jugoslawien war die völlig ungeregelte Vertreibung in Gestalt der Todeslager und zahlreicher Massaker an den Donauschwaben mit einem grausamen Genozid gekoppelt. Der erst im Januar 1946 bei dem Alliierten Kontrollrat in Berlin eingereichte Antrag, die Vertreibung der Deutschen aus Jugoslawien international noch nachträglich im Sinne des Beschlusses der Potsdamer Konferenz zu legitimieren, zeigt, zu wie viel Menschenverachtung das Tito-Regime in dieser Frage fähig war.“6 Keineswegs waren die Arbeits- und Konzentrationslager spontane Angelegenheit. Es handelte sich um mindesten 70 Lager – eine genaue Zahl ist nicht bekannt – für die deutsche Bevölkerung und bis dahin jugoslawische Staatsbürger!

Durch die Enteignung und anschließende Besiedlung der Vojvodina durch vorwiegend Partisanenkämpfer wurde auch die ethnische Zusammensetzung dieser Provinz fundamental verändert und zwar zugunsten der Serben. Von den neuangesiedelten Kolonisten waren 72% Serben, 18% Montenegriner, 5% Makedonier, 3% Kroaten und jeweils unter einem Prozent Slowenen und Muslime (Übrigens zum zweiten mal wurde das ethnische Bild der Vojvodina drastisch zugunsten der Serben und auf Kosten der nationalen Minderheiten im letzten Jahrzehnt geändert). Hinter beiden Plänen sind großserbische Motive nur unschwer zu erkennen. Dank dieser Tatsache war die Eingliederung der Vojvodina nach Serbien viel einfacher durchzusetzen.

Aber nicht nur das ethnische Bild wurde verändert. Die Kolonisten brachten ihre Kultur und Bräuche mit und brauchten lange Zeit, um die Wirtschaftsweise dieses Landstriches zu erlernen. So benötigten sie mehrere Jahre, um das Produktionsniveau der Donauschwaben zu erreichen. Die Ankömmlinge, wie sie von der alteingesessenen Bevölkerung abschätzig genannt wurden, waren nicht an die dortige Arbeitsweise gewöhnt. Sie kamen aus kargen Gegenden und waren eine völlig andere Wirtschaftsweise gewöhnt. Noch heute ist in der alteingesessenen Bevölkerung der Spruch erhalten geblieben: „Tausche zehn Ankömmlinge gegen einen Schwaben“. Jugoslawien verlor durch seine deutsche Minderheit nicht nur einen materiellen Wert, sondern wurde auch um eine in jeder Hinsicht reiche Bevölkerungsgruppe ärmer.7

Später, im Tito-Jugoslawien sind die verbliebenen Deutschen niemals als nationale Minderheit anerkannt worden und haben dementsprechend keine Schulen mit ihrer Muttersprache und andere kulturelle Organisationen bekommen können. Eine freie Vereinsbildung war ihnen untersagt. Das aber sind für jede ethnische Minderheit wichtige Grundlagen der eigenen Identitätsbewahrung, Entwicklung und Kulturpflege. In Ermangelung dieser Möglichkeiten blieb den Deutschen nur eine Assimilation oder Aussiedlung übrig. Die meisten wählten den zweiten Weg. Seit Anfang der 1950er Jahre kam es zur Massenaussiedlung der deutschen Volksgruppe aus Jugoslawien.8 Die Mehrheit nutzte die Liberalisierung des kommunistischen Regimes und siedelte von 1955 bis 1970 nach Deutschland aus. In der Nachkriegszeit war zur Vernichtung der deutschen Bücher gekommen, die bis dahin in den Bibliotheken der Vojvodina vorhanden waren. Die deutschsprachigen Bücher wurden als „wertlos“ gestempelt und zum Papierrecycling freigegeben. In den Schulen wurde beispielsweise das Wort „Partisan“ großgeschrieben, im Gegensatz dazu das Wort „Deutscher“ klein.9 Ihre Identität sollten die Deutschen im Alltag lieber nicht betonen, wenn sie keine Schikanen in der Schule, am Ausbildungsplatz, bei Behörden usw. haben wollten. Viele wurden dadurch zu einer schnellen Anpassung und späteren Assimilation gezwungen. Geiger schreibt, es war nicht schön, in der Zeit ein Deutscher zu sein.

 

Die deutsche Minderheit in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens

Kroatien

Der Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren bedeutete auch für die Jugoslawiendeutschen eine Zäsur. Zum einen wurde diese Volksgemeinschaft erneut geteilt und nach dem Ersten Weltkrieg erneut durch Staatsgrenzen voneinander getrennt. Zusätzlich gerieten auch sie in den Strudel des Krieges. Wie auch die ungarische Minderheit in der Vojvodina, versuchten auch sie, solange es ging, sich der serbischen Mobilisierung und einem ungerechten Aggressionskrieg gegen Kroatien und auch gegen ihre Volksgenossen dort zu widersetzen.

Auf der kroatischen Seite waren auch die Angehörigen der deutschen Minderheit freilich wie ihre kroatischen Nachbarn einer neuen Drangsal ausgesetzt und wurden von den Serben und der Jugo-Armee nicht geschont. 429 Deutsche kamen dabei gewaltsam ums Leben und 142 fielen als Soldaten im Freiheitskampf der kroatischen Armee. Das ist die eine Seite.

Zum anderen aber ist im Zuge der staatlichen, gesellschaftlichen sowie ideologischen Erosion in Jugoslawien die Tabuisierung der Deutschen weggefallen, von denen die Gemeinschaften nun enorm profitieren. Der Partisanenmythos, ein Grundpfeiler der Tito-Herrschaft sowie die schwarz-weiße offizielle Darstellung des „Befreiungsskampfes“ sind wie ein Kartenhaus implodiert. Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Schicksal der deutschen Volksgruppe insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg ist nun möglich und erwünscht. Ebenso die anderen tabuisierten Themen wie das Gefangenenlager für politische Häftlinge auf der Insel Goli Otok oder das Schicksal zehntausender kroatischer Milizen und Zivilisten auf dem Leidensweg von Bleiburg. Die Deutschen können sich nun frei zu ihrer Identität bekennen, Kulturvereine gründen und ihr geschichtliches und kulturelles Erbe nach 50 Jahren Marginalisierung wieder pflegen. Das ist die erfreulichere Seite und insgesamt die Ausgangslage der deutschen Minderheit in den Nachfolgestaaten.  Unterschiede in der Behandlung durch die einzelnen Staaten gibt es jedoch trotzdem. Dazu mehr im weiteren Verlauf.

Nach der Bevölkerungszählung in Kroatien von 2001 lebten dort insgesamt 3000 Deutsche, vor allem in Ostslawonien, schwerpunktmäßig aber in Osijek/Essegg und Umgebung. Und hier wird das dringlichste Problem trotz aller Förderung deutlich. Es sind nur noch wenige übriggeblieben, viele interessieren sich noch kaum für ihre Vorfahren und Geschichte, viele haben sich längst assimiliert und tragen nur noch einen deutschen Nachnamen, nur wenige beherrschen noch die Sprache ihrer Vorfahren. Das ist heute die größte Bedrohung der deutschen Volksgruppe im ehemaligen Jugoslawien.

Jedoch nun zu den Aktivitäten der Deutschen in Kroatien. Schon kurz nach den ersten freien Wahlen von 1990 konstituierte sich hier ein "Verband der Deutschen und Österreicher in Kroatien". In Kroatien wirken heute fünf deutsche Minderheitenverbände, von denen zwei in Osijek, zwei in Zagreb und einer in Vukovar sind. Der größte und aktivste ist die Volksdeutsche Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien (VDG) in Osijek, welcher Deutsche aus ganz Kroatien versammelt und der Träger aller wichtigen gemeinsamen Programme der deutschen Minderheit ist. Von ihm kam die Initiative zur Gründung des Dachverbandes der deutschen Minderheitenverbände, welcher seit 1999 existiert, dem sich aber leider nicht alle Verbände aus Kroatien anschlossen. Die VDG gibt ein Jahrbuch heraus und eine zweisprachige Vierteljahreszeitschrift mit dem Titel Deutsches Wort/Njema_ka Rije_. Anerkannt und gefördert vom kroatischen Staat hat sich diese Vereinigung in den zehn Jahren ihres Bestehens vor allem Aufgaben wie der Durchführung von Sprachkursen in Hochdeutsch, aber auch in der angestammten Mundart, karitativen Tätigkeiten, Veranstaltung von Seminaren, Ausstellungen und Exkursionen, Herausgabe von Büchern über die Donauschwaben, Förderung des Mädchenchores "Brevis - Donau" und Kennzeichnung von Orten, in denen die Donauschwaben einst lebten bzw. von früheren Lagern der Tito-Partisanen, in denen sie Todesqualen erlitten, verschrieben.

Der Präsident der Volksdeutschen Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien, Vizepräsident des Weltdachverbandes der Donauschwaben und Abgeordneter für die Minderheiten im kroatischen Parlament, Nikola Mak, erklärte in einer vor einem Jahr gehaltenen Rede im Abgeordnetenhaus in Berlin, dass Kroatien ihnen, den Minderheiten die höchsten Rechte wie im Gesetze so auch im Alltag anerkenne und es nun seit 1991 ein Land sei, in dem man wieder stolz und ohne Angst sagen könne, dass man Deutscher sei.10 Es ist ja fast schon besser als in Deutschland selbst! Er wies darauf hin, dass schon in der ersten Verfassung von 1991 die deutsche und österreichische Minderheit in der Präambel als autochtone Minderheiten, die einen besonderen Schutz des Mehrheitsvolkes, der Kroaten verdienen, anerkannt wurden. Alles andere wäre nicht nur ahistorisch, ungerecht und im Widerspruch zur europäischen Wertegemeinschaft und sämtlichen UN-Konventionen über den Minderheitenschutz, sondern auch zutiefst undankbar, wenn man die österreichische und deutsche Kroatienpolitik Anfang der 1990er Jahre in Betracht zieht.

Insbesondere zählen auch zu den Rechten der deutschen Minderheit

- der Gebrauch der Minderheitensprache

- Schulung in der Muttersprache

- Lokale Minderheitenselbstverwaltung

- Vertretung im kroatischen Parlament

Entsprechend der kleinen Anzahl der Deutschen, wies Mak daraufhin, dass alle Rechte angewendet werden. So gebe es

- 3 Kindergärten, in denen die deutsche Sprache erlernt werde (Osijek)

- 1 Grundschule, wo die deutsche Sprache Muttersprache ist (Osijek)

- 1 Gymnasium, in welchem die deutsche Sprache die dominante Fremdsprache ist (Osijek)

- eine lokale Minderheitenselbstverwaltung in einer Dorfgemeinde (Kneževi Vinogradi), in einer Großstadt (Osijek) und in der selbigen Gespanschaft

- 2003 wurde bei den Parlamentswahlen auf der separaten Minderheitenliste (für 12 kleinere Minderheiten) der deutsche Kandidat gewählt. So ist ein Deutscher nach 1910 wieder im kroatischen Parlament vertreten und setzt sich dort aktiv für die deutsche Minderheit ein. Diese Wahl habe nach seiner Einschätzung enorme Bedeutung für das Ansehen und das Selbstbewusstsein der deutschen Minderheit gehabt. Außerdem ist von enormer Bedeutung, dass der kroatische Staat und die lokale Regierung finanziell die deutsche Minderheit unterstützten, so habe sie

- ihr Blatt „Deutsches Wort“ 4 mal jährlich

- schon 12 Jahre das Symposion „Deutsche und Österreicher in Kroatien“,

- schon 11 Jahre ihr „Jahrbuch“

- Chöre, Theatergruppen, Ausstellungen und Konzerte, Jahrestage und anderweitige Versammlungen

Im Programm der VDG haben zwei Projekte einen besonderen Platz:

1. Verzeichnen und Veröffentlichen des sakralen Erbens der Donauschwaben, um auf diese Weise die Spuren des Erbens in Kroatien dauerhaft zu erhalten.

2. Aufstellen von Gedenktafeln in kroatischer und deutschen Sprache in Ortschaften, in denen in größerer Anzahl die Donauschwaben lebten. Das geschieht in Zusammenarbeit mit Heimatortsgemeinschaften aus Deutschland und Österreich und die ersten solchen Tafeln wurden schon 2004 in Branjina-Kischtalok und Popovac-Bann aufgestellt und es bleibt noch die Aufstellung der Tafeln in Josipovac-Kravice.

Die Erinnerungsarbeit, die Dokumentation des Schicksals der Volksdeutschen aus Jugoslawien und die Würdigung der Opfer ist eine weitere Tätigkeit, die einen weiten Raum in den Aktivitäten der Minderheit vor Ort und des Weltdachverbandes der Donauschwaben einnimmt. So veranstaltete am 14. Mai 2005 in Osijek die VDG den Vertreibungstag 1945- 2005. Vor 60 Jahren hatte am 11. Mai 1945 die Internierung von vielen tausenden Donauschwaben in die Konzentrationslager Josipovac (Oberjosefsdorf), Valpovo (Walpach) und Krndija (Kerndia) begonnen. Mehr als die Hälfte hatte die Konzentrationslager nicht

überlebt. Die Veranstaltung fand am Friedhof in Valpovo (Walpach) statt, wo vor zwei Jahren unter großer Anteilnahme der kroatischen Öffentlichkeit ein Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Valpovo errichtet worden war. Zu den Ehrengästen konnten vom Vorsitzenden der VDG und Abgeordneten zum kroatischen Parlament, Nikola Mak hohe politische Amtsträger, von der kommunalen bis zur staatlichen Regierungsebenen, sowie kirchliche Würdenträger und Vertreter der deutschen und österreichischen Botschaften sowie Rudolf Reimann als Vertreter des Weltdachverbandes der Donauschwaben begrüßt werden. Reimann dankte der Republik Kroatien dafür, dass man der donauschwäbischen Lageropfer gedenkt. Kroatien garantiere seinen Minderheiten eine konstitutive Anerkennung und unterstützt sie im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten. Neben der Gedenkstätte in Valpovo existiert auch eine am ehemaligen Konzentrationslager Krndija. Die Enthüllung beider Denkmäler war sehr wichtig, so Mak, auch für die kroatische Regierung und Öffentlichkeit, die mit voller Pietät und Mitgefühl an den Kommemorationen teilnahmen und vorbehaltlos den Völkermord unserer Minderheit verurteilten.

Im Geschäftsbericht der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg für das Jahr 2004 heißt es zu Kroatien: „In Kroatien nimmt das Engagement und das Selbstbewusstsein der deutschstämmigen Bürgerinnen und Bürger zu. Die ersten Organisationsstrukturen vor allem in Essegg/Osijek und Umgebung und Agram/Zagreb haben sich dank einer zunehmenden Unterstützung durch örtliche Behörden, jedoch auch durch die zuständigen Regierungsstellen, gefestigt. Die erfolgreiche, konsequente Kulturarbeit insb. In Essegg/Osijek hat das Ansehen der Volksdeutschen Gemeinschaft gestärkt und sie zum festen, anerkannten Bestandteil örtlichen Kulturlebens gemacht. Die Wahl des Kandidaten der deutschen Minderheit, Herrn Nikola Mak, Vorsitzender der Volksdeutschen Gemeinschaft Essegg/Osijek, zum Abgeordneten und Minderheitenvertreter im Kroatischen Parlament ist als Anerkennung intensiver Bemühungen nicht allein zur Festigung wieder gewonnener Identität, sondern auch demokratischer und freiheitlicher Artikulation der Minderheiten im Land zu bewerten.“ Mak äußerte die Hoffnung, dass gemäß einer Vereinbarung mit der regierenden Partei in Kroatien, die berüchtigten ''AVNOJ-Dekrete'' noch in dieser Legislaturperiode auch formell außer Kraft gesetzt werden. Das hätte für die Deutschen in Kroatien natürlich nur eine große symbolische Bedeutung, vor allem aber moralische Rehabilitierung. Auf diese Weise wäre Kroatien das erste Land in Ost- und Südosteuropa, das diese Beschlüsse abgeschafft hat.11

Aber auch im Bereich der Restitutionsgesetzgebung ist Kroatien viel liberaler als es etwa die beiden EU-Mitglieder Tschechien und die Slowakei sind. Während Prag und Preßburg die vertriebenen Sudeten- und Karpatendeutschen von jeder Restitution ausgrenzt, schließt Kroatien die vertriebenen Donauschwaben ein und hat dazu mit der Republik Österreich ein bilaterales Abkommen ausgehandelt. Im August konnte eine positive Einigung bei den österreichisch-kroatischen Verhandlungen zum kroatischen Entschädigungsgesetz in Vukovar erzielt werden. Nach dem novellierten kroatischen Entschädigungsgesetz besteht auch für ehemalige kroatische Staatsbürger die Möglichkeit, Restitutionsanträge einzubringen, wenn dafür ein bilaterales Abkommen zwischen Kroatien und dem jeweiligen Staat des Antragstellers besteht. Zwischen Österreich und Kroatien konnte so ein bilaterales Abkommen vereinbart werden, das voraussichtlich bis zum Frühjahr 2006 von beiden Parlamenten verabschiedet wird.

Serbien

In dem selben, eben zitierten Bericht der Donauschwäbischen Kulturstiftung heißt es zur Lage der Deutschen in Serbien noch ganz vorsichtig und mit viel Optimismus: „Die Bemühungen in Serbien-Montenegro, zur Demokratie und gesellschaftlichen Normalität zurückzukehren, gewähren nach Jahren die Möglichkeit, die deutsche Sprache und Kultur erneut pflegen zu können. Die günstigeren örtlichen Gegebenheiten haben den Deutschen in und um Subotica und Sombor, unter Umständen auch in und um Neusatz/Novi Sad, etwas mehr Spielraum zur Artikulation erlaubt. Die demokratische Wende lässt auf eine Wiederbelebung traditioneller Pflege deutscher Sprache und Kultur nicht allein in den genannten Orten hoffen. Eine realistische, zukunftsgerichtete Kulturpolitik muss auch hier wie in Kroatien von Anfang an auf die Förderung der deutschen Sprache im Rahmen bilingualer Kindergärten und Schulen setzen und mit begleitenden, komplementären Förderprogrammen, wie zum Beispiel im Medienbereich sowie im Bereich deutschsprachigen Laientheaters und der Theaterpädagogik, langfristig auf die allgemein gesellschaftliche Pflege deutscher Sprache und Kultur zielen.“ Die Lage der Deutschen in Serbien gestaltete sich nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens zweifelsohne schwieriger als etwa in Kroatien. Der Krieg in Bosnien und die dadurch verursachte Isolation und Embargos und das Miloševi_-Regime haben sich nicht nur auf die deutsche Minderheit, sondern auch auf die anderen und die gesamte Bevölkerung negativ ausgewirkt. Die nochmalige Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Vojvodina zuungunsten aller Minderheiten dort, hervorgerufen durch die Ansiedlung von Serben aus  Kroatien, Bosnien und dem Kosovo, hat oft zu spannungsreichen Situationen in der Provinz

geführt. Nicht vergessen darf man, dass die Partei des radikalen _etnikführers Vojislav Šešelj in Serbien bei den letzten Wahlen über 30% der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Wahrlich ist eine solide Minderheitenpolitik einerseits aber auch ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Serben und dem Angehörigen Minderheiten andererseits dadurch nicht erleichtert worden.

Nach der Volkszählung von 2002 leben in Serbien insgesamt 3900 Deutsche, davon 3150 in der Vojvodina. Das sind 0,05 % der Bevölkerung Serbiens. Gott sei Dank sind in der Vojvodina immer noch moderatere Töne und eine andere Politik möglich, dank der etwas anderen Mentalität der dortigen, alteingesessenen Serben, die aber auch zunehmend unter Druck der Radikalen geraten sind. So setzte das Parlament von Vojvodina vergangenen Jahr

eine Historikerkommission ein, um die noch vorhandenen spuren der Donauschwäbischen Bevölkerung zu erforschen, besonders das Verhalten der Volksgruppe in der Besatzungszeit und ihre Vertreibung danach. 2001 wurden in Kni_anin (Rudolfsgnad) und 2002 in Kikinda Denkmäler und Votivtafeln

zum Andenken an die Opfer der Donauschwaben errichtet. 2003 und 2004 konnten auf Initiative der im Weltverband der Donauschwaben zusammengeschlossenen Landsmannschaften Gedenkstätten in den ehemaligen Lagern in Subotica und Gakovo errichtet werden. In Gakovo bei Sombor in Nordserbien wurde ein sechs Meter hohes Gedenkkreuz errichtet und es wurde im Rahmen einer würdigen Gedenkveranstaltung mit hohen geistlichen und weltlichen Würdenträgern aus Serbien, Österreich und Deutschland mit über 1000 Teilnehmern den ungefähr 15.000 Toten dieses Lagers erinnert. Weitere Gedenkstätten sollen folgen. Vor zwei Wochen sollte die Einweihung des Gedenkkreuzes am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Kruševlje/Kruschiwl stattfinden. Während die bilateralen Verhandlungen mit Österreich zur Entschädigung der heute in Österreich lebenden Donauschwaben mit Kroatien erfolgreich abgeschlossen wurden, müssen mit Serbien diese Verhandlungen erst aufgenommen werden. Die Regierung der Republik Serbien und Montenegro arbeitet an einem neuen Denationalisierungsgesetz, das als Entwurf vorliegt und, ähnlich dem Kroatischen Entschädigungsgesetz auch den AVNOJ-Betroffenen das Recht auf Entschädigung oder Vermögensrückgabe einräumt. Das ist aber erst ein Prozess, ein schmerzlicher Prozess für Serbien, der mit vielen Schwierigkeiten verbunden sein und so schnell sicher nicht zum Abschluss kommen wird. Das zeigte sich in einer Zurückweisung einer Initiative des deutschen Vereins „Donau“ aus Novi Sad/Neusatz durch das serbische Verfassungsgericht 2003, der die Außerkraftsetzung der AVNOJ-Dekrete und der begleitenden Beschlüsse bezüglich der deutschen Minderheit forderte.

Das Parlament der Republik Serbien und Montenegro hat 2002 ein neues Minderheitenschutzgesetz verabschiedet, das die deutsche Minderheit als autochthone Volksgruppe anerkennt und ihr das Recht zugesteht, einen eignen "nationalen Rat" zu gründen. Die Bildung dieses Nationalrates der deutschen Minderheit – der als Vertretung der Minderheit nach dem Minderheitengesetz mit den maßgeblichen Bundesbehörden in Fragen der Gestaltung der Minderheitengesetze etc. zusammenarbeiten soll, was die betreffende Minderheit erst in den Genuss der im Minderheitengesetz verbrieften Rechte bringen würde – scheiterte bisher jedoch an den Rivalitäten zwischen verschiedenen deutschen Vereinigungen in Serbien. Es gibt in der Vojvodina ein knappes Duzend deutscher Vereine mit relativ ähnlichen Vorstellungen und nur zum Teil unterschiedlichen Akzentsetzungen.12 Die vom Weltdachverband der Donauschwaben initiierte Gründung einer gemeinsamen Dachorganisation für diese Vereine scheiterte ebenfalls an Uneinigkeit und gegenseitigen Rivalitäten vor allem des in Novi Sad bestehenden deutschen Vereins „Donau“ und dem „Deutschen Volksbund“ aus Subotica. Unnötig macht es sich hier die ohnehin kleine deutsche Volksgruppe schwer und schadet somit nur sich selbst.

Slowenien

Die nach der letzten Volkszählung in Slowenien nur etwa 1800 Personen zählende deutsche Minderheit wird vom slowenischen Staat nicht als eine autochtone nationale Minderheit anerkannt und erhält demnach auch keine staatlichen Förderungen, wie sie den anerkannten Minderheiten, zu denen derzeit nur die Magyaren und Italiener und mit Einschränkungen auch die Roma, zählen, zustehen.13 Dieser Status wird ihr mit den Argumenten, sie sei zu klein, siedle nicht geschlossen und sie hätten nach dem 2. WK keine kulturellen Organisationen und Vereine mehr gehabt, verweigert. Wobei jedem Politiker dort klar ist, dass die Vereinsbildung für die verbliebenen Deutschen, die sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft von 1945-1990 ein Tabuthema waren, absolut unmöglich war. Der österreichische Historiker Stefan Karner hat außerdem in seinem Buch über die deutschsprachige Volksgruppe in Slowenien nachgewiesen, dass sie relativ kompakt, verteilt auf einige große und größere Städte siedelt und mindestens die Hälfte der heutigen Angehörigen als autochton angesehen werden können. Aufgrund der Nichtanerkennung als autochtone nationale Minderheit muß die deutsche Volksgruppe auf finanzielle und kulturelle Förderung durch Slowenien, wie sie die anderen zwei Minderheiten genießen, verzichten.

Die deutschsprachige Gruppe konnte sich seit der Selbständigkeit Sloweniens in drei Vereinen artikulieren (Friedensbrücke Maribor, Gottscheer Altsiedler Verein in Poljane und der Slowenische Gottscheer Verein Peter Kosler in Ljubljana). Ihr Programm umfasst vor allem kulturell-ethnische Bereiche (Kennzeichnung ehemaliger Gottscheer Siedlungen, Friedhöfe, Kapellen, Bewahrung der deutschen Muttersprache, Kulturabende, deutschsprachige Gottesdienste, Ausstellungen). Alle drei setzen sich für die Anerkennung der deutschsprachigen Volksgruppe als nationale Gemeinschaft ein. Bedenken muss man, dass die Behandlung und der Umgang mit der deutschen Minderheit in Slowenien oft in den Kontext mit der slowenischen Minderheit im südlichen Kärnten gestellt wird.

 

 

1 Antifaschistischer Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens, provisorischer Exekutivrat der

Partisanenbewegung.

2 Vgl. Vorwort zum Rechtsgutachten über die Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944-48. von Prof.

Dr. Dieter Blumenwitz.

3 Ebenda, S. 45.

4 Vgl. GEIGER, Vladimir: Nestanak folksdoj_era. Zagreb 1997, S. 33.

5 Vgl. SEWANN, Gerhard: Donauschwaben. In: LexSOE. München 20004, S. 203-204.

6 Ebenda, S. 204.

7 Vgl. GEIGER, Nestanak, S. 41.

8 Grund war ein Abkommen zwischen Jugoslawien und der BRD 1952 und zwischen Jugoslawien und

Österreich 1955 über die Möglichkeit der „Umsiedlung“ der Volksdeutschen. Der Kriegszustand zwischen

Jugoslawien und diesen zwei Ländern wurde ja erst im Jahre 1951 beendet. Außerdem ging erst 1951 die

Passhoheit von den alliierten Stellen auf deutsche Behörden in der BRD über, was eine rechtliche Voraussetzung

für die Überführung schuf. Vgl. KARNER, Stefan: Die deutschsprachige Gruppe in Slowenien. Aspekte ihrer

Entwicklung 1939-1997. Klagenfurt u.a. 1998, S. 160-163.

9 Vgl. GEIGER, Vladimir: Što se dogodilo s Folksdoj_erima? Zagreb 1993, S. 68.

10 Zitat Mak: „Diese Regierung [Kommunisten] verfolgte oder schikanierte uns nicht mehr direkt, gab uns aber

sehr klar zu wissen, dass wir keinerlei Rechte als nationale Minderheit fordern sollen und das kroatische Volk

und alle andere Völker hielten uns nie für ihren Feind, im Gegenteil, sie schätzten unsere Ehrlichkeit und

unseren Fleiß und halfen uns auf Schritt und Tritt. Ohne die Hilfe der einfachen Menschen hätten wir weder die

Lagerzeit, noch die Zeit nach dem Lager überlebt, als wir wörtlich nackt und barfuss waren, ohne Dach über dem

Kopf.“

11 Das öffentliche Bewußtsein in Kroatien scheint im Hinblick auf die Jugoslawiendeutschen gespalten: „Bis

heute sagen einige, es würde ihnen recht geschehen, während andere immer noch nichts davon wissen oder es

nicht wahrhaben möchten“, sagt Geiger. Vor allem einstigen Kommunisten widerstrebt es, ihre früheren

Parteigenossen durch den Exodus der Deutschen in schlechtes Licht zu rücken. Hoffnung mache jedoch, daß der

junge kroatische Staat Forschungen über die Volksdeutschen aktiv unterstütze – wie etwa Geigers neues

Buchprojekt über das deutsche Dorf Krndija in Slawonien, in dem später auch ein Lager eingerichtet wurde.

Quelle: Eurasisches Magazin, 30.08.2005. Von Veronika Wengert

12 Der eine z.B. setzt sich für eine liberalere Visumspraxis für Angehörige der deutschen Minderheit bei der

Einreise nach Deutschland.

13 Quelle VLÖ