Bodo Bost

Deutsche Schultraditionen im Baltikum

(Artikel ist erschienen in „Globus“ und „Ostpreussenblatt“)

 

Seit dem dreizehnten Jahrhundert, über fast 700 Jahre hinweg, bildeten Baltendeutsche die herrschende Klasse im Gebiet des heutigen Estland und Lettland. Sie hatten entscheidenden Einfluss auf die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung der beiden Länder. Im Gefolge der Hansebewegung waren Deutsche ab 1201 zunächst als Händler ins Baltikum gekommen, gleich darauf folgten Missionare, die seit dem 13. Jahrhundert das Baltikum, die letzte heidnische Bastion in Zentraleuropa, christianisierten. Da dies nicht immer auf friedlichem Weg geschah, gründeten die Missionare den Ritterorden der Schwertbrüder unter der Leitung des Zisterziensermönches Berthold, der später mit dem Deutschen Orden vereinigt wurde. Aber auch erste Schulen, wie die Domschule in Reval, wo zunächst auf Latein unterrichtet wurde, gehen bereits auf die Ordensritter zurück. Vom 13. bis ins 16 Jahrhundert existierte im Baltikum der Deutsche Ordensstaaat, der in Kultur und Sprache dem deutschen Mutterland nicht im geringsten nachstand. Da jedoch im Ordensstaat die Hanse wirtschaftlich dominierte, war das Niederdeutsche, die Sprache der Hanse, im Baltikum die Verwaltungs- und Wirtschaftssprache. Im Bereich der Kirche dominierte das Lateinische. Erst seit der Einführung der Reformation Martin Luthers seit 1525 im Baltikum wurde Deutsch die herrschende Sprache des Baltikums. Mit der Übernahme der Reformation ging jedoch der auf der Treue zum Papsttum basierende Deutsche Ordensstaat zugrunde. Das Baltikum geriet politisch und militärisch unter die Kontrolle fremder Mächte, zunächst der Russen, später der Schweden und Polen und danach wieder unter russische Vorherrschaft. Die jeweiligen Fremdherrschaften erkannten jedoch die Privilegien der deutschen Oberschichten an und stärkten so deren kulturelle Dominanz der autochthonen- undeutschen Bevölkerung gegenüber. So entstand in Dorpat in Estland im Jahre 1632 unter schwedischer Herrschaft nach dem Muster von Uppsala die erste baltische deutschsprachige Universität, die bald zum geistigen Zentrum der Region wurde mit einer Ausstrahlung bis weit ins russische Zarenreich hinein. Unter der russischen Herrschaft, die von 1710-1918 dauerte, erlangte der politische und kulturelle Einfluss der Baltendeutschen ihren Höhepunkt. Begünstigt durch die Nähe zur neuen russischen Hauptstadt St. Petersburg und der Öffnung des Zarenreiches nach Westen unter Peter dem Großen, wurden die Baltendeutschen, obwohl sie nie mehr als 10-15% der Bevölkerung ihrer jeweiligen Länder ausmachten, zu den Wegbereitern der russischen Großmachtstellung und zur dominierenden Gruppe in der russischen Beamtenschaft und in der zaristischen Armee. Kulturell galt das Baltikum nicht als Ausland. Viele Werke von Immanuel Kant und Gottfried Herder wurden zunächst im Baltikum gedruckt, bevor sie auch im deutschen Kernland bekannt wurden.

   Unter der Regie des Deutschen Adels entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach der Niederlage Napoleons an der die 69 baltendeutschen Generäle des Zaren einen ganz wesentlichen Anteil hatten, im Baltikum eine große Zahl deutscher Schulen, an denen auch viele Angehörige der baltischen Völker ausgebildet wurden. Deutsche Schulen waren somit auch Wegbereiter und Geburtshelfer der entstehenden baltischen Kulturen. Großen Anteil an den im 19. Jahrhundert entstehenden lettischen und estnischen Nationalbewegungen hatten evangelische Pastoren, und die Universität Königsberg, wo die ersten Bibelausgaben und Katechismen in den baltischen Sprachen gedruckt wurden.

   Anders war die Entwicklung in Litauen, das nie deutsches Kulturgebiet gewesen ist. Litauen konnte sich in Personalunion mit dem Königreich Polen gegen die Einbeziehung in den deutschen Ordensstaat wehren, der von Norden und Westen Litauen umgab. Nachdem Litauen jedoch im Laufe des Spätmittelalters zur beherrschenden Großmacht Nordosteuropas wurde, lies das Land vor allem deutsche Handwerker aus dem Ordensstaat ins Land, um  die neugegründeten Städte voranzubringen. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts als ein Teil Litauens infolge der polnischen Teilungen zu Preußen kam, kamen auch deutsche Bauern nach Litauen. Insgesamt waren die Litauen-Deutschen jedoch keine homogene Gruppe, so dass viele Deutsche im Laufe der Zeit sich assimilierten.

    Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Entstehung der drei baltischen Staaten veränderten sich die Lebensbedingungen der baltendeutschen Bevölkerung schlagartig. In Estland und Lettland verloren die Deutschen, die in ihrer Mehrheit gegen die Unabhängigkeit dieser Länder gekämpft hatten, ihre angestammten Privilegien und auch den Großteil ihres Landbesitzes. Ab 1925 wurden in allen baltischen Staaten sehr liberale Minderheitenstandards eingeführt, die es den deutschen Minderheiten erlaubte in den Genuss einer sehr weitgehenden kulturellen Autonomie zu gelangen. Hauptbestandteil dieser kulturellen Autonomie waren in Estland und Lettland ein sehr gut funktionierendes öffentliches und privates deutsches Schulwesen. 100% aller deutschen Schüler und  20% der jüdischen Schüler besuchten in diesen Ländern deutsche Schulen. In Estland gab es bis zum Beginn des 2. Weltkrieges vier deutsche Gymnasien, acht deutsche Mittelschulen und ein dichtes Netz deutscher Grundschulen. Selbst an der ab 1919 estnischen Universität Tartu/Dorpat wurden bis Ende der dreißiger Jahr Vorlesungen auch auf Deutsch gehalten. Estland war in dieser Zeit das Land Europas mit dem höchsten Anteil von Studenten an der Gesamtbevölkerung. In Lettland gab es in der Zwischenkriegszeit ein ähnlich stark ausgebautes deutsches Schulwesen mit 10 Gymnasien in Riga, Mitau, Libau, Goldingen und Windau, und 65 deutschen Grundschulen. Mehr als die Hälfte der deutschen Schulen in diesen beiden Ländern waren Privatschulen, die ohne die großzügige Hilfe des VDA damals nicht überlebensfähig gewesen wären, weil die Baltendeutschen durch die Landenteignungen nach dem 1. Weltkrieg den größten Teil ihrer wirtschaftlichen Macht verloren hatten.

   In Litauen konnte man vor 1914 kaum von einem flächendeckenden Schulwesen sprechen, erst unter deutscher Besatzung 1914-1918 entstanden an die tausend Grundschulen von denen 75 deutschsprachig waren. Auch aus diesem Grund war Litauen bei Kriegsende das zunächst deutschfreundlichste aller baltischen Länder. 1923 entstand jedoch mit der Besetzung des ehemals preußischen Memelgebietes durch litauische Truppen eine andere Situation. Als einziges der drei baltischen Länder besaß Litauen damit einen Teil ehemals deutschen Staatsgebietes, das ohne Volksabstimmung gewaltsam von Deutschland gelöst worden war. Als Teil Preußens besaß das Memelgebiet ein sehr gut ausgebautes Schulwesen mit vier Gymnasien in Memel, Heydekrug und Pogegen und insgesamt 173 deutschsprachige Grundschulen. Das 1925 vom Völkerbund verabschiedete Memelstatut garantierte die Freiheit der Schulbildung, jedoch wechselten im Laufe der Jahre auf Druck der litauischen Schulbehörden immer mehr Grundschulen zu litauischen Unterricht.

 Mit der Aussiedlung der Baltendeutschen 1940/41 und der Vertreibung der Memelländer 1945 schien die deutsche Kultur im Baltikum ihrem Ende nahe. Während der sowjetischen Besatzung zogen zwar sehr viele russlanddeutsche Familien aus Zentralasien ins Baltikum, weil von dort die Ausreise nach Deutschland leichter war, aber deutsche Schulen gab es für sie wie für die Reste der Memelländer keine mehr. Erst mit Beginn der Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion entstanden bereits im Jahre 1989 erste Wiederbelebungsversuche zunächst von Seiten der in diesen Ländern verbliebenen deutschen Minderheiten. Als erste regten sich die Memelländer, von denen noch etwa 5-8000 in ihrer angestammten Heimat verblieben waren und deren Loyalität zu dem wiedererstandenem litauischen Staat von niemanden in Frage gestellt wurde. Bereits 1989 gründeten sie in Memel ihren deutschen Kulturverein, 1992 waren die Anfänge einer ersten deutschen Schule, die ab 1997 Hermann Sudermann Internatschule hieß und lange Zeit mit bis zu acht aus Deutschland stammenden Programmlehrern die einzige deutschsprachige Schule des Baltikums war. Während die Hermann Sudermann Schule eine ausgesprochene Schule der deutsche Minderheit ist, hat sich die Zemyna Schule in Memel mit nur zwei deutschen Programmlehrern den Spitzenplatz bei der Sprachdiplomprüfung der KMK (Kultusministerkonferenz) erkämpft, weil in den letzten Jahren jeweils ein Viertel aller litauischen Absolventen dieser Prüfung aus dieser Schule stammten. Mit der Zeit wuchs jedoch das Interesse an der deutschen Sprache in allen Länder des Baltikums, vor allem weil die deutsche Sprache in Estland und Lettland auch als ein Teil der eigenen kulturellen Vergangenheit verstanden wird. In Estland verdoppelte sich deshalb die Anzahl der Deutschlernenden im Laufe der 90er Jahre, während sie in Lettland und Litauen eher auf dem Zahlenniveau der sowjetischen Zeit verharrte. In Lettland wird Deutsch von 23% aller Grundschüler gelernt und wird von 15% der Bevölkerung verstanden, das sind die höchsten Werte im Baltikum . Insgesamt wurde jedoch Deutsch als Fremdsprache in allen drei Ländern schnell von Englisch als der ersten Fremdsprache abgelöst. Seit Anfang der 90er Jahre kam es zum Abschluss von Kulturabkommen, auf dessen Grundlage die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen beim Bundesverwaltungsamt deutsche Programmlehrer und Fachberater auch in die baltischen Länder entsendet. Leider ist die Anzahl dieser Lehrkräfte nach anfänglich sehr starken Wachstumszahlen, die jedoch nie den Bedarf decken konnten, im neuen Jahrhundert teilweise wieder sehr stark zurückgegangen, in Lettland gar um die Hälfte. Neben der Deutschen Schule in Memel/Klaipeda entstand im Jahre 1997 in Reval das "Deutsches Gymnasium Tallinn", mit einem komplett deutschsprachigen Zweig, an dem 11 Lehrkräfte aus Deutschland unterrichten. An dieser Schule kann in diesem Jahr zum ersten Mal ein deutsches Abitur abgelegt werden kann. Auch in Dorpat möchte eine Oberschule wieder an die alte deutsche Bildungstradition in dieser Universitätsstadt anknüpfen. Obwohl Estland in der Grundschule die wenigsten Deutschlernenden aufweist, hat das kleinste baltische Land schon seit einigen Jahren den Spitzenplatz bei der Anzahl der Absolventen des deutschen Sprachdiploms der Kultusministerkonferenz, das zu einem Studium in Deutschland berechtigt.

   Neben der Quantität der Schulbildung kommt es jedoch auch auf die Qualität an. Wie hochstehend der Deutschunterricht im Baltikum ist beweist ein offener Brief den Mitglieder des lettischen Deutschlehrerverbandes im November 2001 an die deutschen und österreichischen Bundes- und Landesregierungen richteten (Das OSTPREUSSENBLATT berichtete). In diesem kritisierten die lettischen Deutschlehrer nicht nur die Mittelkürzungen im Kulturetat für die deutschsprachigen Auslandsschulen, sondern beklagen auch die schwindende Attraktivität des Deutschen auch im Baltikum , was nach Ansicht der lettischen Deutschlehrer und des lettischen Kultusministeriums auf das ungebremste Eindringen von Anglizismen in die deutsche Sprache zurückzuführen sei und die Geringschätzung der deutschen Sprache und Sprachpflege in der Heimat. Am Ende des Briefes schrieben die lettischen Deutschlehrer: "Sie schützen vorbildlich ihre Umwelt und ihre schönen Fachwerkhäuser, aber ist es nicht die schöne deutsche Sprache auch wert, geschützt zu werden? Die Sprache Goethes, Kants und Brechts ist Teil des gemeinsamen Weltkultur-Erbes, das wir gemeinsam verteidigen müssen".