Bodo Bost

Vor einer Renaissance des Deutschen in Elsass/Lothringen?

 

Der Elsass als eine der Wiegen der deutschen Sprache

 

Kaum eine Region hat mehr zur Entwicklung der deutschen Sprache, Kultur und Kirchengeschichte beigetragen als das Elsass. Immerhin sind die "Strassburger Eide" aus dem Jahre 842 das älteste deutsche Sprachdenkmal, Otfried von Weissenburg hat in den Jahren 863-871 im Elsass die ersten Gedichte in hochdeutscher Sprache verfasst, der Strassburger Fritsche Closener war 1362 der Autor der ersten deutschsprachigen Chronik und im Jahre 1609 erschien in Strassburg, wo Johannes Gutenberg bereits mehr als 100 Jahre zuvor den Buchdruck entwickelt hatte, die erste deutsche Zeitung. Der Humanismus  hatte im 15. Jahrhundert im Elsass eines seiner Zentren in Europa. In der elsässischen freien Reichsstadt Schlettstadt befand sich die größte humanistische Bibliothek seiner Zeit. In den 10 freien Reichsstädten des Elsass, die als einer der ersten die Reformation Martin Luthers annahmen, erklangen wohl zum ersten Mal in den Gottesdiensten deutschsprachige Gebete, Bibellesungen und auch Lieder. Dennoch begann mit der Reformation Martin Luthers und der mit ihr verbundenen Verlagerung der deutschen Sprachnorm vom Mittelhochdeutschen, das dem Elsässerdeutschen sehr nah lag, zum Ostmitteldeutschen der böhmischen Hofkanzleisprache, ein erster Entfremdungsprozess des Elsasses zum deutschen Mutterland. Diese Zäsur in der elsässischen Sprachentwicklung, nämlich der Verlust einer weitgehenden Identität von Volkssprache und Hochsprache, hatte vor allem ab 1681 als große Teile des Elsasses ans französische Königshaus fielen, negative Auswirkungen auf das Sprachbewusstsein im Lande. Vor allem als im 17. Jahrhundert im Zeitalter des Barock große Teile des deutschen und europäischen Adels zum Französischen als Hofsprache wechselten, erlebte die deutsche Kultur im Elsass eine erste große Krise. Dass diese Krise überwunden werden konnte, verdankte das Elsass seinen deutschen Bildungstraditionen, vor allem seiner bereits 1566 gegründeten deutschsprachigen, protestantischen Universität, die bis zu ihrer Schließung durch die Revolutionstruppen 1793 als eine der vier bestangesehensten Lehranstalten Europas galt. Nicht zufällig wurden Gelehrte wie Johann Wolfgang von Goethe oder Gottfried Herder von ihr angezogen.

   Mit der französischen Revolution 1789 und ihren starken zentralistischen Tendenzen, wurden deutsche Sprache und Kultur im Elsass in gleicher Weise wie der Adel und die Kirche in eine existenzbedrohende Krise gestürzt. Unter der Knute jakobinischer Einpeitscher, allen voran Abbé Grégoire und  Rouget de Lisle endete 1793/94 der zweite elsässische Kulturfrühling. Dem sprachlichen Terror der Revolutionsjahre sind im Elsass und deutschsprachigen Ostlothringen, trotz der ursprünglich sehr revolutionsfreundlichen Haltung großer Teile des Bürgertums, viele Menschen zum Opfer gefallen. Die Folge war neben einer kulturellen Verarmung großer Teile der Bevölkerung auch eine wirtschaftliche Verarmung der deutschsprachigen Gebiete Ostfrankreichs. Der beste Beweis für die kulturelle Zugehörigkeit der Elsässer dieser Zeit zum deutschen Kulturraum ist das Aufgehen der elsässisch-lothringischen Emigranten in der großen  deutschen Auswanderungsbewegung nach Südost- und Osteuropa von 1760-1810. Insgesamt bildeten vor allem katholische Elsässer etwa ein Drittel der Schwarzmeerdeutschen und  fast 10 % der Wolgadeutschen, und dies, obwohl  sie seit über 100 Jahren staatsrechtlich gar keine Deutschen mehr waren. Die elsässische Siedlung Strassburg, die 1795 als Mittelpunkt des schwarzmeerdeutschen Siedlungsgebietes Kutschurgan in der heutigen Ukraine gegründet worden war, beherbergt zwar seit 1945 keine Deutschen mehr, aber das Grenzland-Schicksal der elsässischen Metropole hat die Stadt Kutschurgan, wie Strassburg heute heißt, 1991 eingeholt. Seit diesem Zeitpunkt ist auch das ukrainische Strassburg Grenzstadt zu Moldavien gehörig. Kurz nach der Revolution musste auch ein Großteil der Daheimgebliebenen Elsass-Lothringer Männer im wehrfähigen Alter, allerdings unfreiwillig,  auf Geheiß Napoleon Bonapartes, viele unter dem Kommando der Elsässer Generäle und Marschälle Kleber, Kellermann, Rapp oder dem Saarländer Ney, dem französischen Drang nach Osten bis nach Moskau folgen, wo viele vor allem auf dem Rückzug aus Russland ihr Leben verloren.

   Im Gefolge der französischen Revolution mit ihren starken antikirchlichen Elementen hatte vor allem die katholische Kirche im Elsass, die sich nach 1681 sehr stark der französischen Kultur verpflichtet gefühlt hatte, eine Kehrtwende vollzogen. Neben der evangelischen Kirche wurde ab dem 19. Jahrhundert auch die katholische Kirche mit ihren zahlreichen Schulen wieder ein Hort der deutschen Sprache in Elsass-Lothringen. Gerade in Zeiten politischer Repression wurden die Kirchen im Elsass immer mehr die Horte der regionalen  Identifikation. Dies änderte sich auch nicht als  Elsass/Lothringen 1871 mit dem Friedensschluss von Versailles wieder zu Deutschland kam. Der von Reichskanzler Bismarck ausgelöste Kirchenkampf gegen die katholische Kirche trieb viele

Elsass-Lothringer aus der ländlichen Bevölkerung wieder auf die Seite der Anhänger Frankreichs, obwohl im Elsass nur ein kleiner Teil (3%) der Bevölkerung Französisch sprach, in Lothringen allerdings mehr als ein Drittel. Leider wurde das Reichsland Elsass/Lothringen von Berlin zunächst wie ein Kolonialgebilde verwaltet, was nicht gerade die Sympathien der einheimischen Bevölkerung zu wecken vermochte. Erst im Jahre 1911 erhielt Elsass/Lothringen den Status eines vollberechtigten Bundeslandes mit eigenem Parlament. Dennoch kam es während der Reichslandszeit (1871-1918) in Elsass/Lothringen zu einem großem Aufschwung deutscher Kultur und Geisteslebens, nicht zuletzt deshalb weil erst in dieser Zeit  die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde, das deutsche Vereinswesen und Abendschulwesen großen Zulauf hatten, und die Universität Strassburg als deutsche Universität mit sehr vielen jungen und fähigen Professoren 1872 neu gegründet worden war. Dennoch wurden in der Reichslandszeit die Grundlagen für das große Missverständnis zwischen Deutschland und seinen westlichen Randprovinzen grundgelegt. Erstaunlicherweise gingen erst in der Reichslandzeit große Teile der elsass-lothringischen Oberschicht zum Gebrauch der französischen Sprache über, worin sie von großen Teilen der preußischen Aristokratie, die selbst glaubte die untergegangene französische Aristokratie imitieren zu müssen, unterstützt wurde.

   Das erst 1912 gewählte Parlament Elsass/Lothringens, das während des 1. Weltkrieges 1914-1918, der in beiden Regionen sehr große Verwüstungen hinterlassen hatte, suspendiert worden war, und erst gegen Ende des Krieges seine Arbeit wieder aufnehmen konnte, stimmte am 5.12.1918 für die Rückgliederung des Gebietes an Frankreich und damit gleichzeitig für seine Auflösung, weil es innerhalb Frankreichs kein einheitliches Gebilde Elsass/Lothringen mehr gab. Obwohl sich Frankreich verpflichtet hatte nach der Rückgliederung die elsässischen Traditionen und Eigenarten zu respektieren, wurde ab dem Schuljahr 1919 in den drei Departementen Ober- und Niederrhein und Mosel sofort jeglicher Deutschunterricht an den Schulen verboten. Auch der für 97% aller Schüler erstmals eingeführte Französischunterricht sollte zumeist von französischen Soldaten frontal, also ohne Zuhilfenahme anderer Sprachen erfolgen. Kein Wunder, dass sich gegen diese vertragsbrüchige und die elsässische Kultur verachtende französische Politik im Lande Widerstand zu regen begann. Die ehemals gegen die preußische Politik im Elsass angetretenen zumeist katholischen Protestparteien verwandelten sich nun in autonomistische, zum Teil separatistische elsässische Parteien, die bei fast allen Wahlen Mehrheiten für sich gewannen. Aus dem nationalen Konflikt war längst auch ein sozialer Konflikt geworden, weil die Masse der elsässischen Arbeiter und die Landbevölkerung weiterhin ihrem elsässischen Dialekt verwurzelt blieb und nur das städtische Bürgertum und die aus dem Innern Frankreich zugewanderten Beamten der französischen Sprache überhaupt mächtig waren. Aufgrund des Druckes der Autonomiebewegung erlaubte die französische Zentralregierung ab 1927 wieder den Unterricht der deutschen Sprache an den Schulen Elsass-Lothringens. Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und besonders der Beginn des 2. Weltkrieges und die Niederlage Frankreichs 1940 hatte für das elsässische Selbstbewusstsein sehr nachhaltige Folgen. Zum ersten mal in seiner Geschichte wurde das Land einer brutalen Re-Germanisierungspolitik unterzogen. Alles Französische bis hin zu den Vornamen wurde verboten, dazu kam noch die Repression gegen die Kirchen und die Einbeziehung der Elsass-Lothringer in die Zwangsmaßnahmen des Dritten Reiches, wie Arbeitsdienst, Wehrpflicht und die Errichtung von Konzentrationslagern in Struthof und Schirmeck. All dies sollte im Identitätsbewusstsein der Elsass-Lothringer, die bis dato vor allem ihrer regionalen elsässerdeutschen Kultur und Sprache sehr verwurzelt waren, tiefgreifende Folgen hinterlassen vor allem, weil auch große Teile der Autonomiebewegung durch die Naziherrschaft kompromittiert waren.

 

Die Tabuisierung des Deutschen nach dem 2. Weltkrieg

 

Nach dem 2. Weltkrieg bestand das Interesse der französischen Politik darin, mit der vollständigen Diskreditierung des NS-Regimes, welches mit Deutschtum bez. dem Wunsch nach der elsässischen auch sprachlichen Eigenart gleichgesetzt wurde, eine für alle male die elsässische Eigenkultur zu beseitigen. Zu diesem Zweck sollte mit dem Deutschen auch die elsässische Sprache aus der Öffentlichkeit, ja sogar aus dem Familienleben, wo sie immer noch vorherrschte, verbannt werden. Obwohl Frankreich nach außen hin ein demokratischer Staat war und auch alle internationalen Konventionen, darunter natürlich auch die Deklaration der Menschenrechte unterschrieben hatte, die ja zum Teil ein Produkt der Französischen Revolution waren, galten für das Elsass hinsichtlich der Pressefreiheit bis 1984 und hinsichtlich der Muttersprache bis heute einschränkende Bestimmungen. In der Presse Elsass-Lothringens wo die Tageszeitungen "Dernières Nouvelles d'Alsace" in Strassburg und "L'Alsace" in Mülhausen bis heute in zweisprachigen Ausgaben erscheinen, durften bis 1984 bestimmte Seiten, wie z. B. die Jugend oder Sportseiten nur auf französisch publiziert werden. In der Frage des Deutschunterrichts bedurfte es großer Anstrengungen angesehener Persönlichkeiten aus dem politischen und Kulturellen Leben des Elsass bis sich erste kleine Erfolge seit Beginn der 80er Jahre einstellten. Den Beginn machte wohl die Studentenbewegung von 1968 als gerade auch in Frankreich zum ersten mal auch die Frage der sprachlichen Minderheiten öffentlich diskutiert worden war. Im Elsass bildete sich im Jahre 1968 die René-Schickele-Gesellschaft, die zunächst nur gegen die zunehmende Verdrängung des Dialektes aus dem privaten und familiären Sprachbereich im Elsass Bewusstsein schaffen wollte. Die nach dem elsässisch-deutschen Schriftsteller René Schickele (1883-1940) der im Jahre 1915 mit seinem Werk "Der Hans im Schnokeloch" das Nationalepos des Elsass geschaffen hatte, benannte Gesellschaft, die von namhaften elsässische Persönlichkeiten wie dem Physiknobelpreisträger Alfred Kastler (1902-84) und dem Neffen des Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer (1875-1965), Gustav Woytt, unterstützt wurde, erkannte sehr schnell, dass ohne Veränderungen in der Schulpolitik der Dialekt zum Aussterben verurteilt ist. Seit Mitte der 70er Jahre gab es erste  zaghafte Ansätze in Richtung einer politischen Dezentralisierung in Frankreich. Erst die Wahl des sozialistischen Staatspräsidenten Francois Mitterand 1981 vollendete die Dezentralisierung und schuf ein neues kulturelles Klima auch im Elsass. Der von Mitterand eingesetzte neue Leiter der obersten elsässischen Schulbehörde Pierre Deyon, obwohl selbst kein Elsässer, eröffnete ab 1981 dem Deutschen als der Referenzsprache der elsässerdeutschen Dialekte wieder mehr Spielraum im schulischen Bereich. Die durch die Dezentralisierung in ihrer Macht bestärkten elsässischen und lothringischen Lokalpolitiker schickten massenweise Petitionen nach Paris, in denen sie immer wieder eine im schulischen und im öffentlichen Leben spürbare Zweisprachigkeit forderten, vor allem auch weil die elsässische Metropole Strassburg seit Beginn der Europäischen Einigungsbestrebungen der fünfziger Jahre eine der drei Hauptstädte Europas ist. Zum ersten mal seit dem Kriege erlebten in den 80er Jahren auch die elsässischen Volkstheater und Musikgruppen wieder einen Aufschwung. Neben der René-Schickele-Gesellschaft wurden in dieser Zeit zahlreiche andere, zumeist lokale Vereinigungen gegründet, die ebenfalls die Zweisprachigkeit und die Bewahrung der elsässischen Eigenart zu ihrem Ziel erhoben. Mit verursacht wurden all diese Bewegungen wahrscheinlich auch durch immer neue statistische Erhebungen, aus denen hervorging, dass in manchen Gebieten des Elsas nur noch 2% der Eltern den Dialekt an ihre Kinder weitergaben und damit die sprachliche Selbstaufgabe unmittelbar bevorstand. Insgesamt gesehen sprechen jedoch auch heute noch eine Zweidrittelmehrheit aller Elsässer ihren Dialekt. Aber selbst in Familien, in denen beide Eltern Elsässisch sprachen, vermitteln es nur 20% von ihnen ihren Kindern als erste Sprache. Trotz dieser sehr bedenklichen Entwicklung, die viel mit der oft beschriebenen Psychologie und den Komplexen des Elsasses zu tun hat, sind die Elsässer immer noch die mit Abstand größte sprachliche Minderheit in Frankreich, die ihre Sprache noch aktiv beherrscht. Dabei muss man allerdings bedenken, dass viele der in Frankreich lebenden Minderheiten wie z. B. die Bretonen, Basken oder Katalanen um nur einige zu nennen, schon einige Jahrhunderte länger die Folgen des Pariser Zentralismus zu tragen haben, als die Elsässer. 

 

Auf dem Weg zu einem zweisprachigen Schulwesen im Elsass?

 

Der nach 1945 zunächst verbotene Deutschunterricht an den elsass-lothringischen Grundschulen konnte erst aufgrund eines Runderlasses der Schulverwaltung 1972 auf freiwilliger Basis bei 2,5 Stunden die Woche wieder aufgenommen werden. Obwohl es seit 1982 einen Ministerialerlass zur Einführung des Faches "Regionalsprache und -kultur" in den Schulen Frankreichs gegeben hatte, und in der Bretagne und im Baskenland bereits eine ganze Reihe zweisprachiger Schulen entstanden waren, tat die Schulverwaltung im Elsass zunächst wenig zur Erweiterung des Unterrichts in der Regionalsprache. Erst die Initiative von immer mehr Eltern, die sich in der Elternvereinigung ABCM (Verein zur Förderung der Zweisprachigkeit in der Grundschule) zusammengeschlossen hatten, die nicht mehr nur diesen Unterricht forderten, sondern auch anfingen konkret in freiwilliger Initiative wie in der Bretagne diesen Unterricht selbst auch zu organisieren, setzte die Schulverwaltung derart unter Druck, dass diese selbst aktiv werden musste. Die Vereinigung ABCM wurde am Anfang ganz stark von der René-Schickele-Gesellschaft unterstützt, die seit mehr als 20 Jahre die Forderung nach Zweisprachigkeit massiv vertreten hatte. So entstanden Anfang der 90er Jahre die ersten privaten ABCM-Klassen in einigen Kleinkinderschulen und Grundschulen, wo zunächst 6 Wochenstunden Deutschunterricht und dann jeweils die Hälfte des Unterrichts in Deutsch und die andere Hälfte in Französisch angeboten wurden. 1992 wurden die ersten bilingualen Klassen auch in staatlichen Grundschulen eröffnet. Einen großen Förderer erhielt dass bilinguale Schulsystem durch die Gründung des elsässischen Regionalamtes für die Zweisprachigkeit, das der Region Elsass zugeordnet wurde, im Jahre 1994 in Strassburg, einer Einrichtung die einige Jahre zuvor noch absolut unvorstellbar gewesen wäre. Dessen erster Leiter Fred Urban, der selbst aus der Rene-Schickele-Gesellschaft hervorgegangen war, erhob die Förderung des bilingualen Deutschunterrichts im Elsass zur absoluten Priorität. Der Anstieg der bilingualen Schulklassen in der Kleinkinder- und der Grundschule überschritt schnell das Angebot an zur Verfügung stehenden deutsch sprechenden Lehrern im Elsass. Aus diesem Grunde wurde bereits 1994 innerhalb des Instituts zur Ausbildung der Grundschullehrer ein bilingualer Zweig in Gebweiler unter der Leitung von Daniel Morgen, gebildet, wo jährlich etwa 20 Lehrer für ihre Tätigkeiten vorbereitet werden. Nach einer langen Experimentierphase wurde das Institut im September 2001 offiziell eingeweiht. Bis heute sind jedoch auch etwa 40-50 Deutschlehrer von jenseits des Rheins im Elsass im Einsatz. Dieser Lehreraustausch wurde mit Hilfe von bilateralen Kulturabkommen der Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland mit der Region Elsass ermöglicht. Dem katastrophalen Rückgang im Dialektgebrauch, den Umfragen bereits Mitte der 80er Jahre signalisierten, entsprach seit Anfang der 90ziger Jahre ein Ausbau des Deutschunterrichts sowohl was den Deutschunterricht in den regulären Schulen als auch den Unterricht in den bilingualen Schultypen betraf. Für Euphorie besteht jedoch nach Meinung der Kenner der Sprachensituation nicht der geringste Anlass. Der beste Beweis dafür ist die Ablehnung der Ratifizierung der "Charta der Minderheitensprachen" durch das französische Verfassungsgericht im Jahre 2000. Diese von der Union der Minderheitenverbände in Europa ausgearbeitete Charta war erst nach langem Druck von Minderheitenverbänden 1999 in Frankreich von der Regierung unterzeichnet worden. Alle bisherigen Fortschritte gehen nämlich nicht auf Gesetze oder gar auf eine Verfassungsänderung zurück, sondern waren Erlasse des Kultusministeriums infolge des immer stärker werdenden Druckes von Elternvereinigungen und bestimmter Lokalpolitiker. Auf diesen Druck hin wurde im Oktober 2000 ein Vertrag zwischen dem französischen Bildungsministerium unter dem Sozialisten Jack Lang und der Region Elsass unterzeichnet, in dem die administrativen und finanziellen Aspekte der bilingualen Schulform zum ersten Mal eine vertragliche Grundlage erhielten und die Kompetenzen zwischen Zentralregierung, Departement und Region abgegrenzt wurden. Wie jedes mal, als die Pariser Zentralregierung nach dem Kriege auf die elsässischen Eigenarten etwas mehr Rücksicht nehmen wollte, formierten sich die immer noch sehr starken jakobinischen, zentralistischen Kreise, die im Elsass vor allem von den sehr starken Lehrergewerkschaften repräsentiert werden, gegen die Bestrebungen zu mehr Zweisprachigkeit. Durch die zentrale Personalplanung des französischen Bildungsministeriums, das über national ausgeschriebene Wettbewerbe (concourse) den Lehrernachwuchs organisiert, stammen viele Lehrer im Elsass aus anderen Regionen Frankreichs. Diese sprechen oft kein Wort Elsässisch, geschweige Deutsch. Viele dieser Lehrer fühlen sich jetzt durch die rasante Zunahme der bilingualen Schultypen um ihre Aufstiegschancen betrogen. Aber es gibt auch elsässische Politiker, die gegen den Ausbau der Zweisprachigkeit im Elsass sind. Viele dieser Politiker sprechen immer noch oder immer wieder von einer "deutschen Gefahr" und nehmen die Wahlerfolge des Populisten Le Pen in Ostfrankreich als Beweis für immer noch vorhandene separatistische Neigungen. Einige der Vertreter Le Pens im elsässischen Regionalrat hatten dort 1997 zum ersten mal seit der Vorkriegszeit eine eigene Autonomistische Fraktion (Alsace d'abord-Elsass zuerst) gebildet. Darüber hinaus gibt es Bestrebungen anstelle des Hochdeutschen, das von den führenden elsässischen Kulturschaffenden wie Prof. Raymond Matzen den Schriftstellern André Weckmann oder Germain Müller als Schriftsprache des Elsässischen angesehen wird, dass Elsässisch zur Schriftsprache auch an den Schulen wird. Einen kleinen Erfolg hatten diese Kreise als 1994 im Zentrum von Strassburg und später auch in anderen Städten zweisprachige Straßenschilder neben der französischen Version nicht in der historischen deutschen Bezeichnung angebracht wurden, sondern in einer zum Teil sehr fraglichen elsässischen Version der historischen deutschen Straßennamen.  

   Von den eher zaghaften Anfängen im Jahre 1992 hat das bilinguale Schulsystem heute Zweige in 161 Grundschulen, 17 Gesamtschulen und 5 Gymnasien im Elsass. Seit 1997 hat sich die Schülerzahl des bilingualen Zweiges mehr als  verdoppelt auf heute 8472 Schüler allein in den Grundschulen. An den Gesamtschulen und Gymnasien besuchen darüber hinaus weitere 850 Schüler bilinguale Zweige. An den beiden Gymnasien Leclerc in Zabern und Stanislas in Weissenburg, beide im fränkischen Dialektgebiet des Nordelsass gelegen, wo noch mehr als 50% der Kinder den Dialekt beherrschen, haben in diesem Jahr bereits 35 Schüler das sogenannte Abibac, das deutsch-französische Abitur abgelegt. Obwohl die bilingualen Schulformen eher nach dem Zufallsprinzip zustande kamen, in vielen Fällen wurde die Einrichtung solcher Schulformen auch von den Behörden verweigert, verteilen sich die bilingualen Schulen etwa gleichmäßig über das gesamte Elsass. Man kann lediglich feststellen, dass es um die großen Städte Strassburg, Mühlhausen und Kolmar und in Grenznähe zu Deutschland und der Schweiz, wo etwa 100.000 Elsässer als Grenzgänger arbeiten, die Häufigkeit dieser Schulform zunimmt. Bisher kommen jedoch erst knapp 4% aller elsässischen Schüler in den Genuss einer zweisprachigen Bildung, von einem Territorialprinzip, wie es von dem "Regionalamt für die Zweisprachigkeit", das seit 2001 "Amt für Sprache und Regionalkultur des Elsass" heißt, gefordert wird, kann also noch lange keine Rede sein. Aus diesem Grunde wagen auch die Mitarbeiter dieses Amtes keine Prognose über die Zukunft der Zweisprachigkeit in der Region Elsass. Ein großer Erfolg war für die nur 6 Mitarbeiter des Amtes die elsässische Kulturwoche im April dieses Jahres, als sich unter dem Motto "E Friehjohr fer unseri Sproch" fast 100 Kulturvereine und 70 Kommunen für eine Wiederbelebung der elsässischen Sprache und Kultur eingesetzt haben. Im Mai 2002 ist jedoch beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen in Elsass-Lothringen die letzte Bastion der offiziellen Zweisprachigkeit gefallen. Bis dahin wurden in Elsass-Lothringen als einziger Region Frankreichs die Wahlbenachrichtigungen der zugelassenen Parteien neben Französisch auch auf Deutsch an alle Haushalte verschickt. Im Mai 2002 haben jedoch einige der linken Präsidentschaftskandidaten ihre Wahlprospekte nur noch auf Französisch verschickt. Dass gerade diese Kandidaten, darunter der ehemalige Premierminister Jospin oder der ehemalige Innenminister Chévènement im Elsass und im Moseldepartment sehr schlechte Resultate erzielten, war für viele Beobachter ein Beweis mehr, dass eine überwältigende Mehrheit von 90% aller Elsässer, darunter sehr viele die gar kein Elsässisch mehr sprechen, Umfragen zufolge, für die Zweisprachigkeit sind.

 

Wie steht es um das zweisprachige Schulwesen im deutschsprachigen Gebiet Ost-Lothringens?

 

Wenn man sagen kann, dass das Elsass in der Frage der Förderung der eigenen Regionalsprache im Vergleich zu anderen Regionen Frankreichs wie der Bretagne oder Korsika im Rückstand war, so war das deutschsprachige Gebiet Ostlothringens im Vergleich zum Elsass wiederum um einige Jahre im Rückstand. Im Gegensatz zum Elsass, dessen beiden Departemente fast ganz zum historischen elsässischen Sprachgebiet gehören, sind von den vier Departementen, die die Region Lothringen bilden, nur das Departement Moselle/Mosel heute zur Hälfte noch deutschsprachig. Da die Hauptstadt des Moseldepartements Metz jedoch rein frankophon ist, fehlt der deutschsprachigen Minderheit in Lothringen ein regionales Zentrum, wie es Strassburg für das Elsass ist. Im Gegensatz zum Elsass, wo mit Alemannisch und Fränkisch zwei zum Teil sehr verschiedene deutsche Dialekte gesprochen werden, wird in Ostlothringen nur Fränkisch gesprochen, allerdings mit den beiden Varianten Mosel- und Rheinfränkisch. Während im Elsass die in Baden Württemberg gesprochenen Dialekte ihre Fortsetzung finden, bilden die fränkischen Dialekte Ostlothringens die natürliche Fortsetzung der in der Pfalz und im Saarland gesprochenen Dialekte.

Die sprach- und kulturpolitischen Initiativen im fränkischen Sprachgebiet Lothringens starteten mit großer zeitlicher Verzögerung im Vergleich zum Elsass. Im Unterschied zum Elsass, wo all diese Initiativen ähnliche Ziele haben und mehr oder weniger zusammen arbeiten und seit 1994 von dem Regionalamt für die Zweisprachigkeit in Strassburg auch koordiniert werden, sind die Sprachinitiativen in Ostlothringen lokale Initiativen geblieben, die zum Teil  partikulare, oft entgegengesetzte Ziele verfolgen. Als erste entstand in Diedenhofen/Thionville 1980 die Vereinigung "Wéi laang nach" unter dem leider sehr früh verstorbenen Linguisten Daniel Laumesfeld. Diese in der Nachbarschaft zum Großherzogtum Luxemburg angesiedelte Initiative entschied sich sehr schnell in Anlehnung an das Luxemburgische, das 1984 offizielle Staatssprache im Großherzogtum geworden ist, für die Propagierung des Moselfränkischen / Luxemburgischen als Referenzsprache für das als "Platt" bezeichnete lokale Dialekt. Bestärkt wird diese Initiative von der Anziehungskraft des Luxemburger Arbeitsmarktes, wo allein 50.000 Lothringer als Grenzpendler arbeiten. Andere Initiativen wie "Gau und Griis" in Busendorf/Bouzonville oder "Bei uns daheem" in Freyming-Merlebach betonen eher die sprachlichen und historischen Gemeinsamkeiten zum benachbarten Saarland, wo ebenfalls etwa 15.000 Lothringer als Grenzgänger arbeiten und wohin etwa 5000 Saarländer aus Steuergründen ihren Wohnsitz verlegt haben. Erste Initiativen zur Einführung von zweisprachigen Schulklassen gibt es in Lothringen erst seit 1995, als in Saargemünd ein sehr mutiger Bürgermeister sich ein Beispiel an der ABCM-Vereinigung des Elsass genommen hat und unter städtischer Trägerschaft einfach zweisprachige Klassen in den Vorschulen eingerichtet hat. Nach diesem Vorpreschen eines Lokalpolitikers, der sich sogar nicht gescheut hatte, die Schulsprachenfrage zum Thema des Lokalwahlkampfes zu machen, blieb der regionalen Schulbehörde in Nancy, der Hauptstadt der Region Lothringen, nichts anderes übrig, als für das fränkischsprachige Gebiet Ostlothringens einen eigenen" moselfränkischen Weg zur Zweisprachigkeit" zu propagieren. Der lothringische Sonderweg unterscheidet sich in einigen Punkten vom elsässischen Modell. Im Elsass wird zunächst das elsässische Dialekt als Grundlage des Hochdeutschen in den Vorschulen verstärkt, um in der Grundschule den Deutschunterricht darauf aufzubauen. In Lothringen soll bereits in der Vorschule die "Sprache des Nachbarn", das heißt Deutsch als Fremdsprache unterrichtet werden und nicht die noch vorhanden Restbestände des Dialektes bereits in den Kindergärten als Muttersprache wieder belebt und weiter ausgebaut werden. Nach der lothringischen Methode wird zur Zeit an insgesamt 6 Grundschulen verstärkter Deutschunterricht mit 9 Wochenstunden angeboten , jedoch kein paritätischer Deutschunterricht wie im Elsass. Lediglich die Regenbogenschule in Saargemünd bleibt weiterhin der Parität von 13 zu 13 Wochenstunden Deutsch und Französisch treu. Die Schulverwaltung in Nancy geht von der Tatsache aus, dass in Ostlothringen die sprachlichen Grundlagen bezüglich der deutschen Sprache nicht mehr so gut sind, wie in großen Teilen des Elsasses. Einen moselfränkisch/luxemburgischen Sonderweg für den nördlichen Teil des fränkischen Sprachgebietes in Lothringen, wie er von der Kulturvereinigung "Wéi laang nach" gefordert wurde, wurde von der Schulakademie in Nancy verworfen mit dem Argument, dass auch für das Luxemburgische Hochdeutsch die Referenzsprache sei und auch in Luxemburg trotz eigener Staatssprache die Einschulung in der Grundschule auf Deutsch erfolge. Immerhin konnten im Grenzgebiet zu Luxemburg in einer privaten Initiative, in Anlehnung an die Praxis im Großherzogtum, sogar einige zweisprachige Ortsschilder angebracht werden, was im Elsass bisher noch nirgendwo passiert ist. Insgesamt gesehen steht es um die Zukunft der deutschen Sprache in Ostlothringen jedoch sehr viel schlechter als im Elsass. Die Universität des Saarlandes, die 1949 als französische Universität gegründet worden war  und nach 1957 immerhin zwei französischsprachige Institute beibehalten hat, könnte für die Zukunft der deutschen Sprache in der Region eine sehr positive Rolle spielen und damit das Nichtvorhandensein einer deutschsprachigen lothringischen Metropole ausgleichen. Allerdings ist die mit großem publizistischen Aufwand betriebene Gründung des deutsch-französischen Hochschulinstitutes in Saarbrücken vor einigen Jahren bisher ein Papiertiger geblieben, ohne Auswirkungen auf die Sprachentwicklung in der Grenzregion. Viele Lokalpolitiker im Saarland fordern weiter eine Förderung der "Sprache des Nachbarn" in den saarländischen Grundschulen, in Unkenntnis darüber, dass die Muttersprache der lothringischen Nachbarn zum großen Teil immer noch Fränkisch ist, und damit fast identisch mit dem Saarländischen, und nicht Französisch.