Gert Bürgel

Johann Friedrich Böttger und die weltweite Verbreitung des Namens „Dresden“

durch die Erfindung des europäischen Porzellans

 

 

In der Zeit des aufstrebenden Industriezeitalters war auch das sächsische Dresden Ursprungsort für zahlreiche, epochale Erfindungen. Doch keine dieser Erfindungen war so glanzvoll und unmittelbar bis in unsere Gegenwart hinein mit dem Namen dieser Stadt verbunden, wie die Erfindung des Europäischen Porzellans.

Es war die spätmittelalterliche Zeit, in der man in Europa noch dem Irrglauben verfallen war, man könne Gold aus anderen chemischen Elementen herstellen. Eine Vielzahl an Alchimisten, auch "Goldmacher" genannt, bemühten sich darum, die leeren Staatskassen ihrer Landesfürsten auf diese Weise zu füllen. Bei ihren vergeblichen Experimenten entwickelten sie erstaunliche technologische Fähigkeiten. So wurden Methoden zur Erzeugung bisher unerreichter Schmelztemperaturen gefunden, die eine wichtige Voraussetzung für die gezielte Erfindung des europäischen Porzellans zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren. Das als "weißes Gold" bezeichnete Porzellan war gleichsam ein technologisches Nebenprodukt der erhofften Goldherstellung. Zugleich war damit das wohlgehütete Geheimnis der chinesischen Porzellanherstellung gebrochen. Nicht nur für Johann Friedrich Böttger, der heute als dessen Erfinder geehrt wird, war dies ein Glücksfall, sondern auch für das Sächsische Königshaus unter Kurfürst August dem Starken, für seine Residenzstadt Dresden, für Europa und die ganze abendländische Welt.

 

Johann Friedrich Böttger wurde 1682 in Schleiz geboren. Er verstarb im Jahre 1719 in Armut und wahrscheinlich an einer Vergiftung, die er sich bei seinen vielen Experimenten zugezogen hatte. In Berlin begann er seine Lehrzeit in einer Apotheke. Ein griechischer Mönch soll den jungen, wißbegierigen und experimentierfreudigen Böttger in seinen alchimistischen Bann gezogen haben, so daß dieser ebenfalls mit den Versuchen begann, Gold aus anderen Elementen herzustellen. Das Gerücht seiner angeblichen Fähigkeiten verbreitete sich und wurde schnell als Tatsache hingestellt. Auch am Brandenburger Hofe hörte man davon. Aber Böttger flüchtete nach Wittenberg und bat den sächsischen Kurfürsten um Schutz. Unter größten Vorsichtmaßnahmen wurde der "Goldmacher" heimlich nach Dresden gebracht.

Unter der gestrengen Obhut August des Starken ähnelte hier Böttgers weiteres Leben und Wirken dem eines Gefangenen im „goldenen Käfig“, worüber er sich auch nicht wenig beklagte. Seinen alchimistischen Goldmacherkünsten war kein Erfolg beschieden. (=> hier Meißener Zeit...)

Am 8. Juni 1707 läßt August der Starke Böttger von der Festung Königstein zu einem Geheimtreffen nach Dresden bringen. Böttger erläutert sein Vorhaben, mit den richtigen Gerätschaften schnell einen Durchbruch erzielen und das Geheimnis der Porzellanherstellung lüften zu können. Vorausgegangen war dem Treffen ein Brief Böttgers an den Kurfürsten: „Um Himmels Willen (...) und in großer Hoffnung dazu (...) ich alsdann mit beyhülfe des Herrn Zchürnhausen, binnen der Zeit von 2 Monaten ein großes werde prestiren können(...). ((J. Gleeson, Das weiße Gold von Meißen, S. 69 ff.))

Und so fand er zum Ende des Jahres 1707 im neu eingerichteten Laboratorium auf der Jungfernbastei durch intensive, systematische Versuche die Formel für das „echte“ europäische Porzellan. (Darüber existieren handschriftliche Aufzeichnungen seiner Versuchsergebnisse vom 15.1.1708). Sein Erfolg gründete auf den Grundlagenforschungen und technologischen Vorarbeiten, an denen der am 11. Oktober 1708 verstorbene Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der Freiberger Bergrat Pabst von Ohein und andere wesentlichen Anteil haben. Böttger betrachtete den Stand seiner Versuche noch mit gemischten Gefühlen. Im Grunde war es nur der Beginn weiterer mühseliger Forschungsarbeit. Im Frühjahr und Sommer testete er weiterhin verschiedene Rohsubstanzen. Bis Juni 1708 hatte er so viele Erfolge aufzuweisen, daß v. Tschirnhaus zur Gewinnung geeigneter Fachkräfte eine Töpferei in Dresden-Neustadt ins Leben rief. Am 28. März. 1709 vermeldete Böttger in seinem Memorial an König August die Fähigkeit zur industriellen Porzellanherstellung, wenngleich zu diesem Zeitpunkt noch einige technologische Voraussetzungen (Glasuren, Farben) einer weiteren Vervollkommnung bedurften.

 

Aus militärischen Sicherheitsgründen war der Standort Dresden für eine Porzellanmanufaktur ungeeignet. Dafür kamen nur zwei wehrhafte Burgen nahe Dresdens in Frage: Die Festung Königstein oder die Albrechtsburg bei Meißen. 1710 gründete August der Starke auf der Albrechtsburg zu Meißen die Meißener Porzellanmanufaktur. Zunächst waren es nur 26 Beschäftigte, doch schon im Jahre1750 arbeiteten bereits 400 in der Porzellanmanufaktur, deren Erzeugnisse inzwischen Weltruhm erlangt haben. Fast ein halbes Jahrhundert behielt die Meißener Manufaktur ihre Monopolstellung in Europa. Die Technologie des Porzellans wurde wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Erst durch Spionage und Abwerbung von Fachkräften gelangte sie nach Wien und Berlin, Frankreich und England, wo neue Manufakturen gegründet wurden.

 

Viele Porzellan-Manufakturen in aller Welt führen auch heute noch den Namen „Dresden“ in ihrem Warenzeichen. Vornehmlich hat dazu der Umstand beigetragen, daß im angelsächsischen Sprachraum anstelle des Begriffes „Meißner Porzellan“ bis heute die Bezeichnung „Dresden-Porzellan“ oder „Dresden-China“ gebräuchlich geblieben ist. Der Grund dafür ist, daß der frühe Handel mit den begehrten Porzellanerzeugnissen ausschließlich von der Residenzstadt Dresden aus erfolgte. Kaum eine andere Erfindung hat über die Jahrhunderte hinweg und weltweit eine solche Verbreitung und einen solchen Bekanntheitsgrad gefunden, wie das europäische Porzellan. Neben der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen nutzt ein weiterer Betrieb den wohlklingenden Markennamen „Dresden“. Es ist dies die frühere Manufaktur Carl Thieme im nahegelegenen Freital-Potschappel. Sie nennt sich heute „Sächsische Porzellanmanufaktur Dresden“.

Auch in Irland ist der Porzellan-Markenname „Dresden“ ein Begriff. Deutsche Auswanderer aus Thüringen produzieren dort das Irish-Dresden Porzellan. East Liverpool in Ohio war früher das Zentrum der US-amerikanischen Porzellan-Industrie. Ein ganzes Stadtviertel soll hier von Auswanderern aus Dresden besiedelt worden sein. Und den dort ansässigen Manufakturen befanden sich auch mehrere Dresden-Porzellanmanufakturen, genannt die „Dresden-Potteries“.

Im letzten Jahrhundert wurden aus dem begehrten Porzellan auch Puppen gefertigt. In Nordamerika waren das die Dresden-Porzellan-Puppen, vergleichbar mit den bei uns bekannten Käthe-Kruse-Puppen. Im amerikanischen Volksmund nannte man sie kurzerhand Dresden-Puppen, auf englisch  „Dresden-Dolls“. Mit ihren anmutigen Porzellanköpfen waren diese Puppen für die kleinen Puppenmuttis - aber nicht nur für diese - ein Inbegriff der Schönheit, Liebe und Zuneigung. Deshalb wurden im anglo-amerikanischen Sprachraum sogar lebende Personen eines bestimmten Typs als „Dresden-Dolls“ bezeichnet. Beispiele dafür sind Shirley Temple und auch Petula Clark. Der Schönheit der Porzellanpuppen wurden auch Gedichte gewidmet.

 

Eine in Kalifornien gezüchtete Rosensorte, deren grazile Blütenblätter an kunstvoll geformtes Porzellan erinnern, trägt den Namen „Dresden-Doll“. Und auch eine Alpenrose, eher als Rhododendron bekannt, wird wegen ihrer zarten Blütenpracht „Dresden Doll“ genannt.

 

 

Für die Wertschätzung des „Dresden Porzellans“ gibt es weitere Beispiele: Die Stadt Arita ist das Zentrum der japanischen Porzellanindustrie und zugleich die Partnerstadt von Meißen. Weltenbummler aus Dresden werden zu ihrer größten Überraschung im Porzellanpark von Arita ein Stück vertraute Heimat vorfinden: ein Duplikat des Dresdner Zwingers in voller Größe. Ohne Zweifel ist diese Kopie für die Japaner eine Referenz an die europäische Porzellanstadt Dresden. Ebenso wie in unserem Zwinger werden auch hier Ausstellungsstücke des Dresdner bzw. Meissner Porzellans gezeigt.

In Australien, nahe Sydney, gibt es ein Pony-Gestüt, das sich „Dresden Ryding Stud“ nennt. Es ist benannt nach den lieblichen Dresden-Porzellanfiguren, mit denen die Besitzerin ihre kleinen Ponys gern vergleichen möchte. Eine besondere Überraschung für uns Dresdner ist es, zu erfahren, daß „Dresden“ in den USA auch ein weiblicher Vorname ist. Von einigen Namensträgerinnen, mit denen ich korrespondiere, weiß ich, daß sie sich ihres ungewöhnlichen Vornamens sehr bewußt sind. Ihre Mütter nannten sie „Dresden“ als Erinnerung an ihre Dresden-Puppen. Die besondere Liebe und Zuneigung aus ihrer Kinderzeit haben sie mit dieser Namensgebung auf ihre Babys übertragen. Wäre das Wissen um den Vornamen „Dresden“ nicht ein Grund für unsere Stadt, diese Damen im Jahre 2006 zu den 800-Jahres-Feierlichkeiten einzuladen?

Die bedeutendste Namensspur in Verbindung mit dem „Dresden-Porzellan“ ist eine Gemeinde in England. Mehr als 150 Jahre blieb dieses englische Dresden für uns Dresdner so gut wie unentdeckt, obwohl es mit seinen früher 9000 und jetzt noch 5000 Einwohnern schon immer das größte „Dresden“ neben unserer Landeshauptstadt war.

Heute ist dieses Dresden ein Teil von Stoke-on-Trent, dem Zentrum der englischen Porzellanindustrie. Seine örtlichen Strukturen mit einer Dresden-Parish-Church in der Mitte, einer Dresden-Elementary-School und einem Dresden Post Office sind noch gut erkennbar. Liberales Bürgertum gab um 1840 seinem neugegründeten Wohnort diesen Namen als Referenz an die erste Porzellanstadt Europas. Auch sind sich die englischen Dresdner Ihrer Namensverwandtschaft mit dem sächsischen Dresden sehr bewußt. Sie fühlen sich als „Dresdner“ in „ihrem“ Dresden. Schon mehrere Jahre gibt es Beziehungen auf privater und gesellschaftlicher Ebene zwischen unseren beiden Dresden.

Auf der Brühl´schen Terrasse, nahe dem ursprünglichen Ort seiner Wirkungsstätte in den Kasematten der Dresdner Festungsanlage, wird Johann Friedrich Böttger als Erfinder des Porzellans der Europäischen Art mit einem Denkmal geehrt.

Eine Kopie dieser Stele, im Queens-Park des englischen Dresden errichtet, könnte die Verbundenheit beider Dresden in ihrem Namen und in ihrer gemeinsamen Tradition der Porzellanherstellung symbolisieren. Noch ist dies nur eine Idee, die aber von dem englischen Dresdnern schon sehr begrüßt wurde. Sogar ein landschaftsgestalterisches Konzept für den Platz dieses Denkmal haben die englischen Dresdner schon erstellt. Sponsoren seien deshalb angefragt, die mit ihrem Namen einen besonders populären und medial sehr ansprechenden Beitrag zur partnerschaftliche Verbindung zwischen unseren beiden Dresden und damit auch zur 800-Jahrfeier Dresdens leisten wollen. Zugleich wäre ein solches Vorhaben aus unserer Stadt ein würdiges Äquivalent zu dem förderlichen Wirken der US-amerikanischen „Friends of Dresden“ und des britischen „Dresden-Trusts“.

Johann Friedrich Böttgers Schaffenswerk ging um die Welt. So hat er der Stadt Dresden zu ihrem Ruf als Weltstadt der Künste, Kultur und des Barocks eine neue Facette hinzugefügt. „Dresden“ ist seit fast 300 Jahren nicht nur der erstklassige Markenname für Erzeugnisse aus Porzellan, sondern entwickelte sich zu einem eigenständigen Begriff für Schönheit, Liebe und figürliche Anmut – mitten in unserem Leben und überall auf der Welt. Wir heimatverbundenen Dresdner, das Land Sachsen und die gesamte Nachwelt haben Böttger und allen, die zu dieser großartigen Erfindung ihren Beitrag leisteten zu danken.

Das historische Panorama Dresdens

 

Links im Bild die „Brühlsche Terrasse“. Das ist der Teil der alten Festungsanlage,

in dessen Gewölben das Europäische Porzellan erfunden wurde.